Gastbeitrag: Italienische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland II

Und weiter geht’s! Im letzten Blogbeitrag zur italienischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland wurde das Pferd von hinten aufgezäumt, nun wird es aktueller. Dieser zweite Teil behandelt die Kategorien “Die Aktuellen”, “Die Bilderbücher” und “Die ganz jungen Autorinnen”. Der dritte Blogbeitrag der Serie beleuchtet dann schlussendlich “Die erwachsenen Autor_innen”, “Die Fantasy-Autor_innen” und “Die Stillen”. Wir wünschen euch viel Spaß bei der Lektüre!

Die Aktuellen

Die Kinder heute kennen vielleicht „Gironimo Stilton“ – ohne diese bunten Mäuse-Geschichten als ursprünglich italienisch zu identifizieren (Ü: Gesine Rickers/Carsten Jung). Vielleicht kennen sie die Reihen „Ulysses Moore“, „Century“ oder „Der Zauberladen von Applecross“ – auch hier ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen, dass dahinter der Autor Pierdomenico Baccalario steht (Ü: Cornelia Panzacchi, Barbara Neeb, Katharina Schmidt). Baccalario, der in London lebt, ist einer der umtriebigsten Autoren Italiens, hat unzählige Serien geschrieben (vermutlich mit Hilfe von unzähligen Ghost-Writern) und ist in Deutschland bei verschiedenen Verlagen erschienen (Coppenrath, cbj, Fischer). Das war nicht unbedingt hilfreich, denn so hat er hier verlagstechnisch kein wirkliches Zuhause. Jugendliche haben jüngst vielleicht „Staubgeboren. Stadt der Vergänglichen“ (Ü: Christiane Burkhardt) von Fabio Geda gelesen, doch spielt dieser Auftakt einer Reihe in Berlin und verweist nicht auf Italien. Ob die Nachfolgebände auch übersetzt werden, ist mir momentan nicht bekannt. Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass die Verlage Reihen eingehen lassen, wenn sich kein Erfolg einstellt (dazu später unten mehr).

All diese Titel haben neben den italienischen Urhebern gemein, dass sie nicht die italienische Realität spiegeln, sondern in Fantasywelten, historischen Zeiten oder dystopischen Szenarien spielen. Oder unsere tatsächliche Welt global betrachten. Damit werden sie für deutsche Leser_innen interessant, da hier die allgemeine Fantasie gefordert ist und keine Kenntnis italienischer Realität.

Wer von euch KJB-Begeisterten den Deutschen Jugendliteraturpreis verfolgt, dem dürfte momentan der Roman „Die Mississippi-Bande“ von Davide Morosinotto (Ü: Cornelia Panzacchi) bekannt sein. Er spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA und ist eine mitreißende Abenteuergeschichte. Auf der Nominierungsliste steht in der Sparte Sachbuch dieses Jahr sogar noch ein zweites italienisches Buch: „Der Dominoeffekt – oder die unsichtbaren Fäden der Natur“. Darin erzählt der Insektenexperte Accinelli in 18 Geschichten, wie der Mensch die Natur tiefgreifend beeinflusst, wenn er sie bearbeitet, beackert, Tiere fängt, züchtet oder aussetzt.

Die Bilderbücher

In Sachen Bilderbüchern ist es für mich etwas schwierig einen Rückblick zu liefern, denn von den unzähligen Bilderbüchern, die in Italien entstehen, werden die meisten nicht übersetzt. Ein Klassiker unter den Büchern für die kleinsten Italiener ist mit Sicherheit „Pimpa“ von Comiczeichner Francesco Tullio Altan, der in den 80er Jahren den Kunden von Schreiber & Leser bekannt gewesen sein dürfte. Pimpa ist eine rot gepunktete Hündin, die Altan ab 1974 für die Kinderbeilage der Tageszeitung Corriere della Sera zeichnete. Heute gibt es sie als Bücher, zum Teil sind es Comics, zum Teil Bildergeschichten. Übersetzt ist Pimpa nicht.

Einen gewissen Eindruck über die vielfältige Illustratoren-Szene Italiens habe ich im Laufe der vergangenen zwei Jahre gewonnen, seit ich die ersten Bilderbücher übersetzt habe. Allerdings ist meine erste Bilderbuchübersetzung, „Der goldene Käfig“ von Anna Castagnoli, nicht von einem Italiener, sondern vom Belgier Carll Cneut illustriert worden. Wegen Cneuts opulenten Vogel-Illustrationen waren wir für den Deutschen Jugendliteraturpreise 2016 in der Sparte Bilderbuch nominiert.

Als Folge der Nominierung habe ich dann die Bilderbücher „Schlaft, Tierchen schlaft“ von Simona Mulazzani mit den Illus von Giovanna Zoboli – gereimte Gute-Nacht-Gedichte – für den Schaltzeit Verlag,„Zusammen umarmen wir die ganze Welt“ von Manuela Monari mit den Illus von Evelyn Daviddi, für Coppenrath, und „Vorsicht, roter Wolf!“ von Marco Viale, für Sauerländer, übersetzen dürfen.

So unterschiedlich die Geschichten, so unterschiedlich sind auch die Illustrationsstile. Eine Bewertung dieser Bücher werde ich hier nicht abgeben, sondern kann nur sagen:

Das Übersetzen von Bilderbüchern ist eine Gratwanderung zwischen Frust und Freude.

Auf eingeschränktem Raum die wenigen richtigen Worte zu finden, die das Gefühl der Geschichte in kurzen Texten angemessen rüberbringen, ist trotz oder wegen der Kürze nicht mal eben getan. Bis die endgültige Fassung steht, ändere ich immer und immer wieder Worte und Satzstellung, streiche oder füge hinzu. Da können dann bis zu zehn Versionen entstehen. Manchmal hilft auch erst der distanzierte Blick der Lektorin zu einer endgültigen Lösung. Doch trotz der Arbeit ist es für mich auf jeden Fall immer ein Fest!

Kurzer Exkurs zu den Buchcovern: Einer der momentan bekanntesten Illustratoren Italiens ist Iacopo Bruno, der in Deutschland demnächst durch die neuen Harry-Potter-Cover noch präsenter sein wird. Zuvor hat er bereits Eoin Colfers „Swarp“, Soman Chainanis „School of Good and Evil“, Baccalarios „Ulysses Moore“, „Das Volk von Tarkaan“ und „Der Zauberladen von Applecross“ oder Alan Bradleys „Flavia de Luce“ illustriert. Insgesamt hat er mehr als 300 internationale Buchcover gestaltet. Man könnte fast sagen, ohne dass es uns bewusst ist, hat ein Italiener unsere Sehgewohnheiten in Sachen Cover mitgeprägt. (Ich kenne mich ehrlich zu wenig mit Grafik und Cover-Tendenzen aus, finde die neue HP-Verpackung auch nicht besonders toll, aber es ist schon beeindruckend.)

Die ganz jungen Autorinnen

Ein spezielles Phänomen, das mir beim Übersetzen begegnet ist, sind die ganz jungen Autorinnen in Italien, die schon als Teenager bei Publikumsverlagen Bücher veröffentlichen. Zumeist sind dies Teenie-Liebesgeschichten, die auch bei uns funktionieren. So ging es 2008 mit den Romanen von Valentina F. los. 15-jährig hat sie begonnen ihre Liebesgeschichte um Vale und Marco zu schreiben, die auf Deutsch die Titel „HDGDL“ (Ü: Katja Massury), „ZDOZM – Zu dir oder zu mir“ (2009), „SGUTS – Schlaf gut und träum süß“ (2010) tragen. Diese Mädchenträume wurden zu stillen Bestsellern, die mehrere Auflagen erlebt haben. Die Leserinnen waren so begeistert, dass sie über Jahre immer wieder nachgefragt haben, wann der vierte Teil der Reihe den käme. Schließlich hat Fischer 2015 auch „2L8 – Too late“ herausgebracht.

Dieses Vorbild hat den Verlag über die Jahre dann veranlasst nach anderen jungen Autorinnen Ausschau zu halten. Sie fanden Erica Bertelegni, die bereits mit 13 ihr Debüt vorlegte: „99 und (m)ein Wunsch“. Darin hat die Schülerin Aurora 100 Wünsche frei, was zunächst zu Chaos, dann zu immer mehr Verantwortungsgefühl führt. 2017 hat Bertelegni ihr zweites Buch, „La chiave dell’amicizia“ („Der Schlüssel der Freundschaft“) veröffentlicht, eine Fantasygeschichte, die noch nicht übersetzt ist.

Aktuell ist bei Fischer die Reihe „Mein Dilemma bist du“ von Cristina Chiperi zu haben. Die ersten beiden Bänder der Trilogie sind bereits erschienen, Teil drei erscheint im Herbst. Chiperi hat, als sie 16 Jahre alt war, eine Fanfiktion zu der vor ein paar Jahren angesagten Influenzergruppe Magcon um den US-Amerikaner Cameron Dallas geschrieben. Kapitelweise hat sie das On-Off-Drama zwischen der Ich-Erzählerin Chris und Cameron auf Wattpad hochgeladen und jede Menge Klicks gesammelt. Angeblich haben sechs Millionen Italienerinnen ihre Geschichten gelesen – doch das scheint mir etwas übertrieben. Als ein italienischer Verlag dann Printbücher daraus gemacht hat, ist der Fischer Verlag aufgesprungen. Dass das junge Alter von Autorinnen jedoch nicht immer zum Erfolg führt, merkt man momentan, da die Dilemma-Reihe gerade komplett untergeht (was durchaus an der dünnen Geschichte liegt).

Weiter geht’s im dritten Teil…


Dies ist der zweite von drei Beiträgen zur italienischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Den ersten Teil könnt ihr hier nochmal nachlesen. Der dritte Teil behandelt schlussendlich “Die erwachsenen Autor_innen”, “Die Fantasy-Autor_innen” und “Die Stillen”. Viel Spaß bei der Lektüre! 🇮🇹

Gastbeitrag: Italienische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland I

Laura weilt mit ihrer Familie ja gerade in Italien und hatte im Vorfeld nach Tipps für italienische Kinder- und Jugendbücher gefragt. Da ich seit zwanzig Jahren vor allem KJBs aus dem Italienischen übersetze, habe ich mich mal gemeldet – und so entstand die Idee zu einem Gastbeitrag hier auf Lütte Lotte. Dies ist der erste von drei Beiträgen zur italienischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Den Anfang machen “Die Klassiker” und “Die Vergessenen”.

Für einen detaillierten Überblick über die italienischen KJB, die es in Übersetzung nach Deutschland geschafft hat, reichen jedoch selbst zwanzig Jahre Übersetzertätigkeit nicht aus (von dem Platz hier mal ganz abgesehen!). Aber ich werde versuchen, euch ein paar Klassiker, Highlights und italienische Besonderheiten näherzubringen. Dabei habe ich nicht alle der hier aufgeführten Titel gelesen, doch die Tendenzen lassen sich dennoch erkennen.

Ich bin übrigens Ulrike Schimming, arbeite als Übersetzerin aus dem Italienischen und Englischen sowie als freie Lektorin. Seit 2011 betreibe ich das E-Literaturmagazin letteraturen, wo im Schnitt jede Woche ein neues Kinder- oder Jugendbuch, Comic oder Graphic Novel vorgestellt wird. Ende 2017 habe ich meinen ersten eigenen Roman – “Glaube Liebe Stigmata” – als Selfpublisherin bei epubli.de herausgebracht. Es handelt sich dabei um die fiktionalisierte Biografie des italienischen Nationalheiligen Padre Pio von Pietrelcina und seiner Geliebten Mary Pyle.

Die Klassiker

Laura berichtete neulich schon über Carlo Collodis „Pinocchio“, der italienische Klassiker schlechthin, den hierzulande vermutlich viele mit italienischer Kinderliteratur verbinden. Die Geschichte von dem hölzernen Knaben, die zwischen 1881 und 1882 entstand, taucht laut den Einträgen der Deutschen Nationalbibliothek 1905 zum ersten Mal in deutscher Übersetzung auf, unter dem Titel „Hippeltitsch’s Abenteuer. Geschichte eines Holzbuben.“ Übersetzer war Paul Artur Eugen Andrae, ein Name, der mir zwar nichts sagt, den ich aber trotzdem nenne. Denn als Übersetzerin habe ich es mir angewöhnt, die anderen Übersetzer_innen immer zu nennen. Sie sind schließlich die Urheber der deutschen Texte (hier setze ich „Ü“ dann immer für „Übersetzer_in“; steht kein Ü hinter dem Titel, habe ich den Text übersetzt … 😉 ). 1913 folgte die erste „Neuübersetzung“ für Herder: „Die Geschichte vom hölzernen Bengele lustig und lehrreich für kleine und große Kinder, deutsch bearbeitet von Anton Grumann“.

1913 wurde Pinocchio in Wien zu „Hölzele, der Hampelmann, der schlimmer ist und nicht folgen kann. Eine viellehrreiche Böse-Buben-Geschichte, übertragen von Franz Latterer“. Vermutlich 1929 spoilerte der Titel „Kasperles Abenteuer: Die Geschichte eines Holzbuben, der schließlich ein wirklicher Knabe wird“ (Ü: Heinrich Siemer) bereits das Ende. 1938 heißt es dann nur noch „Klötzlis lustige Abenteuer“ (Ü: Josef Kraft). Erst 1947 taucht der Name Pinocchio zum ersten Mal im Titel auf: „Pinocchio, das hölzerne Bengele“, eine Neuauflage der Übersetzung von Anton Grumann. 1948 versucht Ueberreuter in Wien es noch einmal mit „Purzel, der Hampelmann“ (Ü: Alois Pischinger), danach wechseln die Titel beständig zwischen „hölzernem Bengele“, „Kasperle“, „Hampelchen“, „Purzel“ und „Pinocchio“. Der „hölzerne Bengele“ hält sich noch bis in die 70er Jahre, dann taucht in einer freien Nacherzählung von Otto Julius Bierbaum auf einmal „Zäpfel Kern“ als Name auf. Doch der setzt sich nicht durch. Viel mehr scheint mir, dass die zweite Synchronisation des Disney Zeichentrickfilms „Pinocchio“, die 1973 in die Kinos kam (der Film stammt ursprünglich von 1940), maßgebend wurde.

Nun endlich hieß der arme namenstechnisch gebeutelte Pinocchio auch in Deutschland nur noch Pinocchio

Entschuldigt, diesen langen Auftakt, doch er zeigt, dass hier ein Buch über annähernd 115 Jahre in den Kinderzimmern zu finden gewesen ist – und immer noch zu finden ist. Denn seit Ende des zweiten Weltkrieges ist jedes Jahr mindestens eine Neuauflage oder Neuübersetzung erschienen. NordSüd und Coppenrath haben gerade erst Neuauflagen für dieses Jahr angekündigt. Pinocchio ist also dauerpräsent. Von deutschen Kinderbüchern sind es die Werke von Erich Kästner, die zwar noch keine 100 Jahre alt sind, aber aus den Kinderzimmern nicht mehr wegzudenken sind.

Ein weiterer Klassiker, auch in Italien, ist der Roman „Cuore“ („Herz“) von Edmondo de Amicis (1846-1908) aus dem Jahr 1886. Die DNB verzeichnet „Herz. Ein Buch für die Jugend“ in der Übersetzung von Raimund Wülser 1918 bereits mit einer Auflage von 57-58. Tausend in der Basler Buch- und Antiquariatshandlung. Enorm für die damalige Zeit, wenn man bedenkt, dass heute Kinderbücher oftmals nur mit einer Auflage von 3000 Exemplaren erscheinen. Wann genau es zum ersten Mal ins Deutsche übertragen wurde, lässt sich dort nicht nachvollziehen.

Aus dem Band ist vor allem die Geschichte „Von den Apenninen zu den Anden“ bekannt, auch unter dem Titel „Marco sucht seine Mutter“ (1936). Aus diesem Auszug wurde in den 70er Jahren eine 52-teilige japanische Anime-Serie gemacht, die in Deutschland unter dem Namen „Marco“ lief. 1981 wurde sogar der vollständige Roman als 26-teiliger Anime „Ai no Gakkō: Cuore Monogatari“ umgesetzt. Zudem diente das Buch als Vorlage der 1990 entstandenen Weihnachtsserie „Marco – Über Meere und Berge“. Zu diesen filmischen Umsetzungen kann ich leider nichts sagen – wäre aber eine gute Gelegenheit, dem mal nachzugehen.

Der Roman ist als Tagebuch angelegt, in dem der Junge Enrico Bottini von Erlebnissen und Mitschülern seiner Klasse, einer dritten Grundschulklasse, erzählt. Die Episoden berichten von den verschiedenen Teilen Italiens, das erst wenige Jahre zuvor zu einem Staat vereint worden war, und haben einen patriotischen Anstrich. 1986 hat Hans-Ludwig Freese „Cuore“ neu übersetzt von und als gekürzte Version neu aufgelegt. Die letzte Auflage dieser Übersetzung ist von 1996, der Illustrationen der italienischen Prachtausgabe von 1892 beigefügt sind. „Cuore“ hat noch zwei, drei weitere Übersetzungen erlebt, was jedoch nicht mit der beständigen Überarbeitung von „Pinocchio“ vergleichbar ist.

Hier lässt sich eine erste Vermutung, warum relativ wenige italienische Kinder- und Jugendbücher in Deutschland veröffentlicht werden, anbringen:

Die extrem auf Italien zugeschnittenen Geschichten, die italienische Lebenswelten und italienische Heimatliebe spiegeln, bieten deutschen Leser_innen oftmals viel zu wenig Identifikationspotential. Ihnen fehlt somit die Allgemeingültigkeit, die Pinocchio für sich verbuchen kann.

Abenteuer hingegen sind universell

So sind auch die Romane von Emilio Salgari (1862-1911) – „Sandokan“ (1907), „Pharaonentöchter“ (1906), „Der algerische Panther“ (1903), „Der schwarze Korsar“ (1898) (alle Ü: Martha von Siegroth, 1929), „Die Tiger von Mompracem“ (1900) (Ü: Karl-Heinz Hellwig, 1930) – heute immer mal wieder zu haben. 2009 hatte der Schweizer Unionsverlag einige Neuübersetzungen herausgebracht („Sandokan“, Ü: Jutta Wurm). Aktuell hat der Selfpublisher-Dienstleister Tredition vier lieferbare Titel, jedoch sind es alte Übersetzungen. Vielleicht kennt die eine oder andere von euch die Geschichten noch als Hörspielkassetten oder –platten. Die ersten Übersetzungen von Salgaris Büchern lagen bereits 1913 vor: „Die Robbenjäger der Baffin-Bai“ und „Die Schiffbrüchigen von Spitzbergen“ (beide Ü: Arthur Wihlfahrt).

In Deutschland galt Salgari, der einige Jahre für verschiedene Jugendzeitschriften gearbeitet hat, als der italienische Karl May. Er hat 80 Romane geschrieben, die an den exotischsten Orten spielen, nur nicht in Italien. Dazu kamen noch unzählig Erzählungen. In den 50er und 60er Jahren entstanden zahlreiche Verfilmungen seiner Geschichten. Salgaris Werk ist folglich ein Zwitter zwischen Jugendbuch und Erwachsenenlektüre, ähnlich wie die Werke von Mark Twain oder Jules Verne, die eigentlich von allen Altersstufen gelesen werden können.

Der nächste Autor, der sowohl in Italien als auch in Deutschland zu den italienischen Klassikern gehört, ist Gianni Rodari (1920-1980). Vor allem sein Roman „Zwiebelchen“, der 1954 im ostdeutschen Kinderbuchverlag in der Übersetzung von Pan Rova herauskam, und die „Gutenachtgeschichten am Telefon“ sind hier bekannt. Dazu ein paar von seinen Gedichten, die in den 70er Jahren von James Krüss ins Deutsche gebracht wurden („Kopfblumen. 7 x 7 Gedichte für Kinder“, Kinderbuchverlag Berlin 1972). „Zwiebelchen“ war wegen seiner sozialistischen Ideale in der DDR sehr beliebt. Und ist 2009 von Kathrina Thalbach als Hörbuch eingelesen worden (die Übersetzernennung fehlt).

1964 wurden die „Favole al telefono“ zum ersten Mal von Ruth Wright übersetzt. Doch die ursprünglich 70 Geschichten waren bis 2012 in Deutschland nie komplett zu haben. In den verschiedenen Ausgaben, darunter auch eine Wagenbach-Ausgabe für Erwachsene („Das fabelhafte Telefon“, Ü: Marianne Schneider), fehlten immer einige Geschichten. 2012 durfte ich eine komplette Neuübersetzung anfertigen – und habe auch angeblich unübersetzbare Geschichten ins Deutsche gebracht. Die fantasievollen kurzen Geschichten mit ihrem kritischen Geist eignen sich gut zum Vorlesen. 1970 war Rodari mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet worden.

Die Vergessenen

Nun wird es mit den „großen“ Namen der italienischen KJB-Szene in Deutschland schon etwas dünner. Natürlich wurden immer mal wieder Bücher aus Italien übersetzt, doch sie haben sich nicht zu sogenannten Longsellern entwickelt. Denn wer erinnert sich an Donatella Ziliotto („Mister Master“, Ü: Marlis Ingenmey, 1972), Bianca Pitzorno („Polissena mit dem Schweinchen“, Ü: Bettina Dürr, 1995), Teresa Buongiorno („366 Geschichten zur guten Nacht“, Ü: Gabriele Fentzke/Marcus Würmli, 1991), Roberto Piumini („Matti und der Großvater“, Ü: Maria Fehringer, 1994), Silvana Gandolfi („Der Katze auf der Spur“, 1998) Angela Nanetti („Mein Großvater war ein Kirschbaum“, Ü: Rosemarie Griebel-Kuip, 2001), Beatrice Masini („Ballerina in Spitzenschuhen“, Ü: fehlt, 2004)? Vielleicht ein paar Eltern oder Großeltern, doch die Kinder sicherlich nicht. Im Handel sind sie allesamt vergriffen. In Italien jedoch gehören diese Autorinnen zum Kanon der KJB-Literatur, schreiben immer noch, z.T. auch Belletristisch für die Großen. So ist Angela Nanetti gerade für den Premio Strega 2018 nominiert (vergleichbar mit dem Deutschen Buchpreis).

2013 gab es dann mal eine kleine Sachbuchreihe von Federico Taddia mit dem Obertitel „Warum? Darum!“. Vier Bücher habe ich zu Themen wie Evolution, Astrologie, Geographie und Mathematik übersetzt. Eigentlich sollte die Reihe noch weitere Bände umfassen, aber die hat man gestrichen. Und ich vermute, dass sich kaum jemand an „Warum? Darum!“ erinnert. Sie ist auch nicht mehr erhältlich.

Weiter geht’s im nächsten Blogpost…


Dies ist der erste von drei Beiträgen zur italienischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Der zweite Teil behandelt die Kategorien “Die Aktuellen”, “Die Bilderbücher” und “Die ganz jungen Autorinnen”. Der dritte Teil dann schlussendlich “Die erwachsenen Autor_innen”, “Die Fantasy-Autor_innen” und “Die Stillen”. Viel Spaß bei der Lektüre! 🇮🇹

“Grenzlandtage”

Ich muss ganz ehrlich mit euch sein: Die Bücher, die mir am besten gefallen, sind meist fantastische Werke. Ob nun von J.K. Rowling oder Stanislaw Lem – Geschichten, die in anderen Welten spielen, ziehen mich in ihren Bann. Kein Wunder, denkt man daran, was in unserer Welt tagtäglich an Grausamkeit und Ungerechtigkeit passiert. Nicht, dass es in fantastischen Büchern keine Anschläge, Krieg oder schlechte Menschen gäbe. Doch das Wissen darum, dass es sich bei den Gräueltaten in den Büchern eindeutig um Fiktion handelt, macht es für mich um einiges erträglicher.

Es fühlt sich so an, als wäre dieses Jahr lauter als andere zuvor. 2016 hat mich einige Male zusammenschrecken lassen. Jede neue Nachricht scheint negativ zu sein. 2016 ist politischer als andere Jahre. Aber 2016 hat mich auch dazu animiert, mich intensiver mit aktuellen Thematiken auseinanderzusetzen. Literatur nicht nur als Flucht aus dem Alltag zu begreifen, sondern auch als Mittel zur Reflexion. In der Kunst werden Themen anders beleuchtet als in den 20 Uhr Nachrichten – zum Glück! Denn die Welt besteht nicht nur aus Krieg und Hass und Zerstörung. Sie besteht auch immer (!) aus Liebe und Zuversicht und Familien und Freunden und die Sonne scheint trotzdem immer irgendwo. Ein beruhigender Gedanke.

 

Wegschauen ist keine Option

Peer Martin
Peer Martin

Ein Gedanke, den “Grenzlandtage” von Peer Martin und Antonia Michaelis ganz besonders verkörpert. Bereits in seinem Debütroman “Sommer unter schwarzen Flügeln” setzte sich Peer Martin mit einem politischen Thema auseinander: Was, wenn sich ein Nazi und ein syrisches geflüchtetes Mädchen ineinander verliebten? In “Grenzlandtage” wird eine ähnlich komplexe Liebesgeschichte ersonnen, um ein noch komplexeres Thema zu beleuchten: Die sogenannte Flüchtlingskrise. Eine Hydra, die immer mehr Köpfe bekommt, je länger man sich mit ihr beschäftigt…

“Europa. Nein, hier herrscht kein Krieg, hier gibt es keine Folter, keinen Hunger und keine Gewalt. Europa ist ein stilles, friedliches Grab.”

Jule und Evelyn steht der Abi-Stress bevor, deshalb beschließen die beiden, noch einmal in den Urlaub zu fliegen. Zwei Wochen auf einer kleinen griechischen Insel sollen es werden. Aber Evelyn erkrankt kurzfristig, sodass Jule sich allein auf den Weg macht. Auf der Insel angekommen, erwarten Jule einheimische Machos, Einsamkeit und Straßenhunde. Zu zweit wäre diese Reise sehr viel lustiger geworden! Als sie Asman kennenlernt, ändert sich alles. Asman gibt sich als israelischer Wild-Camper aus – zwischen den beiden Jugendlichen knistert es sofort. Es dauert lange, bis Jule mehr über Asmans Vergangenheit, seine palästinensische Abstammung und seine schreckliche Flucht aus dem Kriegsgebiet erfährt. Peer Martin und Antonia Michaelis schaffen es, den jugendlichen Leser langsam an die harte Realität heranzuführen. Jule erfährt häppchenweise, wie Asman auf die Insel gelangt ist und weshalb er überhaupt fliehen musste. Jule ist eine typisch deutsche Jugendliche. Für sie ist der Krieg im Nahen Osten zwar eine Konstante in den Nachrichten, was genau dort jedoch geschieht und welchen Part Europa dabei spielt, muss auch sie erst im Internetcafé des kleinen Ortes recherchieren. “Grenzlandtage” ist über 400 Seiten lang keine seichte Lektüre. Doch mir kommt es vor, als hätte ich die vielen Seiten, die Lesezeit, gebraucht. ““Grenzlandtage”” weiterlesen

Schweden Spezial I: Die Klassiker

Ach Schweden, oh mein Schweden. Land der Seen, der Wälder und der Kinderbücher! Wusstet ihr das jedes 10. Buch, das in Schweden veröffentlicht wird, ein Kinderbuch ist? Literatur für Kinder hat seit jeher einen festen Platz im Feuilleton und seit 1982 gibt es sogar eine Professur für Kinderliteratur. Kein Wunder, dass die schwedische Kinderliteraturszene blüht und gedeiht und so mancher Schatz seinen Weg auch in unsere Regale findet.

Astrid LindgrenOhne dass es euch bewusst wäre, kennt ihr vermutlich eine Menge Bücher von schwedischen Autorinnen und Autoren. Die wohl wichtigste Pionierin des modernen schwedischen Kinderbuches ist Astrid Lindgren. Ihr erstes Buch “Pippi Langstrumpf” erschien 1945 und machte das schwedische Kinderbuch sogleich international bekannt. Im Laufe ihrer Karriere erhielt Astrid Lindgren zahlreiche Preise, am Ende ihres Lebens war sie gar eine schwedische Nationalheldin. Sie war es, die mit ihren Geschichten rund um starke, eigenwillige Protagonisten, auch die Rolle des Kindes in der schwedischen Gesellschaft verändert hat. Zu Astrid Lindgrens bekanntesten Figuren gehören Pippi Langstrumpf, die Kinder aus Bullerbü und Michel aus Lönneberga. “Schweden Spezial I: Die Klassiker” weiterlesen

“Das Nest”

Bevor ich mich im Mai auf große Schwedenreise begebe, mache ich heute noch schnell einen Ausflug ins Jugendbuch. “Das Nest” von Kenneth Oppel und Jon Klassen hatte mich bereits auf den ersten Blick: Was für ein atmosphärisches Cover! So viel sei verraten, auch der Inhalt lässt einen nicht mehr los…

Steve ist ein seltsames Kind. In der Schule hat er nicht viele Freunde. Seinen Wespe_klassen oppelWaschzwang finden die anderen Kinder seltsam. Vor dem Zubettgehen muss Steve im Kopf verschiedene Listen durchgehen, bevor er einschlafen kann. Auch die Therapie vor einiger Zeit hat Steve nicht geholfen, seine Ängste und Zwänge loszuwerden. Er ist einfach ein Einzelgänger. Steves Schwester Nicole ist da ganz anders. Nicole ist ein fröhliches Kind, meist laut plappernd. Dieses Ungleichgewicht wird mit der Ankunft des Babys noch dramatischer: Die undiagnostizierte Krankheit des Säuglings belastet nicht nur Steves Eltern, auch ihm bereiten die vielen Krankenhausaufenthalte des Babys Sorgen. Noch nie hat er seine Eltern so bedrückt gesehen. Noch nie hatten sie so wenig Zeit für ihn und seine Schwester. Als eine engelsgleiche Wespenkönigin die “Reparatur” seines Bruders verspricht, muss er nicht lange nachdenken, bevor er der vermeintlichen Verbesserung zustimmt. Welche furchtbare Kettenreaktion er damit jedoch in Gang setzt, wird Steve erst allmählich klar… ““Das Nest”” weiterlesen