Gastbeitrag: Italienische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland II

Und weiter geht’s! Im letzten Blogbeitrag zur italienischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland wurde das Pferd von hinten aufgezäumt, nun wird es aktueller. Dieser zweite Teil behandelt die Kategorien “Die Aktuellen”, “Die Bilderbücher” und “Die ganz jungen Autorinnen”. Der dritte Blogbeitrag der Serie beleuchtet dann schlussendlich “Die erwachsenen Autor_innen”, “Die Fantasy-Autor_innen” und “Die Stillen”. Wir wünschen euch viel Spaß bei der Lektüre!

Die Aktuellen

Die Kinder heute kennen vielleicht „Gironimo Stilton“ – ohne diese bunten Mäuse-Geschichten als ursprünglich italienisch zu identifizieren (Ü: Gesine Rickers/Carsten Jung). Vielleicht kennen sie die Reihen „Ulysses Moore“, „Century“ oder „Der Zauberladen von Applecross“ – auch hier ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen, dass dahinter der Autor Pierdomenico Baccalario steht (Ü: Cornelia Panzacchi, Barbara Neeb, Katharina Schmidt). Baccalario, der in London lebt, ist einer der umtriebigsten Autoren Italiens, hat unzählige Serien geschrieben (vermutlich mit Hilfe von unzähligen Ghost-Writern) und ist in Deutschland bei verschiedenen Verlagen erschienen (Coppenrath, cbj, Fischer). Das war nicht unbedingt hilfreich, denn so hat er hier verlagstechnisch kein wirkliches Zuhause. Jugendliche haben jüngst vielleicht „Staubgeboren. Stadt der Vergänglichen“ (Ü: Christiane Burkhardt) von Fabio Geda gelesen, doch spielt dieser Auftakt einer Reihe in Berlin und verweist nicht auf Italien. Ob die Nachfolgebände auch übersetzt werden, ist mir momentan nicht bekannt. Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass die Verlage Reihen eingehen lassen, wenn sich kein Erfolg einstellt (dazu später unten mehr).

All diese Titel haben neben den italienischen Urhebern gemein, dass sie nicht die italienische Realität spiegeln, sondern in Fantasywelten, historischen Zeiten oder dystopischen Szenarien spielen. Oder unsere tatsächliche Welt global betrachten. Damit werden sie für deutsche Leser_innen interessant, da hier die allgemeine Fantasie gefordert ist und keine Kenntnis italienischer Realität.

Wer von euch KJB-Begeisterten den Deutschen Jugendliteraturpreis verfolgt, dem dürfte momentan der Roman „Die Mississippi-Bande“ von Davide Morosinotto (Ü: Cornelia Panzacchi) bekannt sein. Er spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA und ist eine mitreißende Abenteuergeschichte. Auf der Nominierungsliste steht in der Sparte Sachbuch dieses Jahr sogar noch ein zweites italienisches Buch: „Der Dominoeffekt – oder die unsichtbaren Fäden der Natur“. Darin erzählt der Insektenexperte Accinelli in 18 Geschichten, wie der Mensch die Natur tiefgreifend beeinflusst, wenn er sie bearbeitet, beackert, Tiere fängt, züchtet oder aussetzt.

Die Bilderbücher

In Sachen Bilderbüchern ist es für mich etwas schwierig einen Rückblick zu liefern, denn von den unzähligen Bilderbüchern, die in Italien entstehen, werden die meisten nicht übersetzt. Ein Klassiker unter den Büchern für die kleinsten Italiener ist mit Sicherheit „Pimpa“ von Comiczeichner Francesco Tullio Altan, der in den 80er Jahren den Kunden von Schreiber & Leser bekannt gewesen sein dürfte. Pimpa ist eine rot gepunktete Hündin, die Altan ab 1974 für die Kinderbeilage der Tageszeitung Corriere della Sera zeichnete. Heute gibt es sie als Bücher, zum Teil sind es Comics, zum Teil Bildergeschichten. Übersetzt ist Pimpa nicht.

Einen gewissen Eindruck über die vielfältige Illustratoren-Szene Italiens habe ich im Laufe der vergangenen zwei Jahre gewonnen, seit ich die ersten Bilderbücher übersetzt habe. Allerdings ist meine erste Bilderbuchübersetzung, „Der goldene Käfig“ von Anna Castagnoli, nicht von einem Italiener, sondern vom Belgier Carll Cneut illustriert worden. Wegen Cneuts opulenten Vogel-Illustrationen waren wir für den Deutschen Jugendliteraturpreise 2016 in der Sparte Bilderbuch nominiert.

Als Folge der Nominierung habe ich dann die Bilderbücher „Schlaft, Tierchen schlaft“ von Simona Mulazzani mit den Illus von Giovanna Zoboli – gereimte Gute-Nacht-Gedichte – für den Schaltzeit Verlag,„Zusammen umarmen wir die ganze Welt“ von Manuela Monari mit den Illus von Evelyn Daviddi, für Coppenrath, und „Vorsicht, roter Wolf!“ von Marco Viale, für Sauerländer, übersetzen dürfen.

So unterschiedlich die Geschichten, so unterschiedlich sind auch die Illustrationsstile. Eine Bewertung dieser Bücher werde ich hier nicht abgeben, sondern kann nur sagen:

Das Übersetzen von Bilderbüchern ist eine Gratwanderung zwischen Frust und Freude.

Auf eingeschränktem Raum die wenigen richtigen Worte zu finden, die das Gefühl der Geschichte in kurzen Texten angemessen rüberbringen, ist trotz oder wegen der Kürze nicht mal eben getan. Bis die endgültige Fassung steht, ändere ich immer und immer wieder Worte und Satzstellung, streiche oder füge hinzu. Da können dann bis zu zehn Versionen entstehen. Manchmal hilft auch erst der distanzierte Blick der Lektorin zu einer endgültigen Lösung. Doch trotz der Arbeit ist es für mich auf jeden Fall immer ein Fest!

Kurzer Exkurs zu den Buchcovern: Einer der momentan bekanntesten Illustratoren Italiens ist Iacopo Bruno, der in Deutschland demnächst durch die neuen Harry-Potter-Cover noch präsenter sein wird. Zuvor hat er bereits Eoin Colfers „Swarp“, Soman Chainanis „School of Good and Evil“, Baccalarios „Ulysses Moore“, „Das Volk von Tarkaan“ und „Der Zauberladen von Applecross“ oder Alan Bradleys „Flavia de Luce“ illustriert. Insgesamt hat er mehr als 300 internationale Buchcover gestaltet. Man könnte fast sagen, ohne dass es uns bewusst ist, hat ein Italiener unsere Sehgewohnheiten in Sachen Cover mitgeprägt. (Ich kenne mich ehrlich zu wenig mit Grafik und Cover-Tendenzen aus, finde die neue HP-Verpackung auch nicht besonders toll, aber es ist schon beeindruckend.)

Die ganz jungen Autorinnen

Ein spezielles Phänomen, das mir beim Übersetzen begegnet ist, sind die ganz jungen Autorinnen in Italien, die schon als Teenager bei Publikumsverlagen Bücher veröffentlichen. Zumeist sind dies Teenie-Liebesgeschichten, die auch bei uns funktionieren. So ging es 2008 mit den Romanen von Valentina F. los. 15-jährig hat sie begonnen ihre Liebesgeschichte um Vale und Marco zu schreiben, die auf Deutsch die Titel „HDGDL“ (Ü: Katja Massury), „ZDOZM – Zu dir oder zu mir“ (2009), „SGUTS – Schlaf gut und träum süß“ (2010) tragen. Diese Mädchenträume wurden zu stillen Bestsellern, die mehrere Auflagen erlebt haben. Die Leserinnen waren so begeistert, dass sie über Jahre immer wieder nachgefragt haben, wann der vierte Teil der Reihe den käme. Schließlich hat Fischer 2015 auch „2L8 – Too late“ herausgebracht.

Dieses Vorbild hat den Verlag über die Jahre dann veranlasst nach anderen jungen Autorinnen Ausschau zu halten. Sie fanden Erica Bertelegni, die bereits mit 13 ihr Debüt vorlegte: „99 und (m)ein Wunsch“. Darin hat die Schülerin Aurora 100 Wünsche frei, was zunächst zu Chaos, dann zu immer mehr Verantwortungsgefühl führt. 2017 hat Bertelegni ihr zweites Buch, „La chiave dell’amicizia“ („Der Schlüssel der Freundschaft“) veröffentlicht, eine Fantasygeschichte, die noch nicht übersetzt ist.

Aktuell ist bei Fischer die Reihe „Mein Dilemma bist du“ von Cristina Chiperi zu haben. Die ersten beiden Bänder der Trilogie sind bereits erschienen, Teil drei erscheint im Herbst. Chiperi hat, als sie 16 Jahre alt war, eine Fanfiktion zu der vor ein paar Jahren angesagten Influenzergruppe Magcon um den US-Amerikaner Cameron Dallas geschrieben. Kapitelweise hat sie das On-Off-Drama zwischen der Ich-Erzählerin Chris und Cameron auf Wattpad hochgeladen und jede Menge Klicks gesammelt. Angeblich haben sechs Millionen Italienerinnen ihre Geschichten gelesen – doch das scheint mir etwas übertrieben. Als ein italienischer Verlag dann Printbücher daraus gemacht hat, ist der Fischer Verlag aufgesprungen. Dass das junge Alter von Autorinnen jedoch nicht immer zum Erfolg führt, merkt man momentan, da die Dilemma-Reihe gerade komplett untergeht (was durchaus an der dünnen Geschichte liegt).

Weiter geht’s im dritten Teil…


Dies ist der zweite von drei Beiträgen zur italienischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Den ersten Teil könnt ihr hier nochmal nachlesen. Der dritte Teil behandelt schlussendlich “Die erwachsenen Autor_innen”, “Die Fantasy-Autor_innen” und “Die Stillen”. Viel Spaß bei der Lektüre! 🇮🇹

Gastbeitrag: Italienische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland I

Laura weilt mit ihrer Familie ja gerade in Italien und hatte im Vorfeld nach Tipps für italienische Kinder- und Jugendbücher gefragt. Da ich seit zwanzig Jahren vor allem KJBs aus dem Italienischen übersetze, habe ich mich mal gemeldet – und so entstand die Idee zu einem Gastbeitrag hier auf Lütte Lotte. Dies ist der erste von drei Beiträgen zur italienischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Den Anfang machen “Die Klassiker” und “Die Vergessenen”.

Für einen detaillierten Überblick über die italienischen KJB, die es in Übersetzung nach Deutschland geschafft hat, reichen jedoch selbst zwanzig Jahre Übersetzertätigkeit nicht aus (von dem Platz hier mal ganz abgesehen!). Aber ich werde versuchen, euch ein paar Klassiker, Highlights und italienische Besonderheiten näherzubringen. Dabei habe ich nicht alle der hier aufgeführten Titel gelesen, doch die Tendenzen lassen sich dennoch erkennen.

Ich bin übrigens Ulrike Schimming, arbeite als Übersetzerin aus dem Italienischen und Englischen sowie als freie Lektorin. Seit 2011 betreibe ich das E-Literaturmagazin letteraturen, wo im Schnitt jede Woche ein neues Kinder- oder Jugendbuch, Comic oder Graphic Novel vorgestellt wird. Ende 2017 habe ich meinen ersten eigenen Roman – “Glaube Liebe Stigmata” – als Selfpublisherin bei epubli.de herausgebracht. Es handelt sich dabei um die fiktionalisierte Biografie des italienischen Nationalheiligen Padre Pio von Pietrelcina und seiner Geliebten Mary Pyle.

Die Klassiker

Laura berichtete neulich schon über Carlo Collodis „Pinocchio“, der italienische Klassiker schlechthin, den hierzulande vermutlich viele mit italienischer Kinderliteratur verbinden. Die Geschichte von dem hölzernen Knaben, die zwischen 1881 und 1882 entstand, taucht laut den Einträgen der Deutschen Nationalbibliothek 1905 zum ersten Mal in deutscher Übersetzung auf, unter dem Titel „Hippeltitsch’s Abenteuer. Geschichte eines Holzbuben.“ Übersetzer war Paul Artur Eugen Andrae, ein Name, der mir zwar nichts sagt, den ich aber trotzdem nenne. Denn als Übersetzerin habe ich es mir angewöhnt, die anderen Übersetzer_innen immer zu nennen. Sie sind schließlich die Urheber der deutschen Texte (hier setze ich „Ü“ dann immer für „Übersetzer_in“; steht kein Ü hinter dem Titel, habe ich den Text übersetzt … 😉 ). 1913 folgte die erste „Neuübersetzung“ für Herder: „Die Geschichte vom hölzernen Bengele lustig und lehrreich für kleine und große Kinder, deutsch bearbeitet von Anton Grumann“.

1913 wurde Pinocchio in Wien zu „Hölzele, der Hampelmann, der schlimmer ist und nicht folgen kann. Eine viellehrreiche Böse-Buben-Geschichte, übertragen von Franz Latterer“. Vermutlich 1929 spoilerte der Titel „Kasperles Abenteuer: Die Geschichte eines Holzbuben, der schließlich ein wirklicher Knabe wird“ (Ü: Heinrich Siemer) bereits das Ende. 1938 heißt es dann nur noch „Klötzlis lustige Abenteuer“ (Ü: Josef Kraft). Erst 1947 taucht der Name Pinocchio zum ersten Mal im Titel auf: „Pinocchio, das hölzerne Bengele“, eine Neuauflage der Übersetzung von Anton Grumann. 1948 versucht Ueberreuter in Wien es noch einmal mit „Purzel, der Hampelmann“ (Ü: Alois Pischinger), danach wechseln die Titel beständig zwischen „hölzernem Bengele“, „Kasperle“, „Hampelchen“, „Purzel“ und „Pinocchio“. Der „hölzerne Bengele“ hält sich noch bis in die 70er Jahre, dann taucht in einer freien Nacherzählung von Otto Julius Bierbaum auf einmal „Zäpfel Kern“ als Name auf. Doch der setzt sich nicht durch. Viel mehr scheint mir, dass die zweite Synchronisation des Disney Zeichentrickfilms „Pinocchio“, die 1973 in die Kinos kam (der Film stammt ursprünglich von 1940), maßgebend wurde.

Nun endlich hieß der arme namenstechnisch gebeutelte Pinocchio auch in Deutschland nur noch Pinocchio

Entschuldigt, diesen langen Auftakt, doch er zeigt, dass hier ein Buch über annähernd 115 Jahre in den Kinderzimmern zu finden gewesen ist – und immer noch zu finden ist. Denn seit Ende des zweiten Weltkrieges ist jedes Jahr mindestens eine Neuauflage oder Neuübersetzung erschienen. NordSüd und Coppenrath haben gerade erst Neuauflagen für dieses Jahr angekündigt. Pinocchio ist also dauerpräsent. Von deutschen Kinderbüchern sind es die Werke von Erich Kästner, die zwar noch keine 100 Jahre alt sind, aber aus den Kinderzimmern nicht mehr wegzudenken sind.

Ein weiterer Klassiker, auch in Italien, ist der Roman „Cuore“ („Herz“) von Edmondo de Amicis (1846-1908) aus dem Jahr 1886. Die DNB verzeichnet „Herz. Ein Buch für die Jugend“ in der Übersetzung von Raimund Wülser 1918 bereits mit einer Auflage von 57-58. Tausend in der Basler Buch- und Antiquariatshandlung. Enorm für die damalige Zeit, wenn man bedenkt, dass heute Kinderbücher oftmals nur mit einer Auflage von 3000 Exemplaren erscheinen. Wann genau es zum ersten Mal ins Deutsche übertragen wurde, lässt sich dort nicht nachvollziehen.

Aus dem Band ist vor allem die Geschichte „Von den Apenninen zu den Anden“ bekannt, auch unter dem Titel „Marco sucht seine Mutter“ (1936). Aus diesem Auszug wurde in den 70er Jahren eine 52-teilige japanische Anime-Serie gemacht, die in Deutschland unter dem Namen „Marco“ lief. 1981 wurde sogar der vollständige Roman als 26-teiliger Anime „Ai no Gakkō: Cuore Monogatari“ umgesetzt. Zudem diente das Buch als Vorlage der 1990 entstandenen Weihnachtsserie „Marco – Über Meere und Berge“. Zu diesen filmischen Umsetzungen kann ich leider nichts sagen – wäre aber eine gute Gelegenheit, dem mal nachzugehen.

Der Roman ist als Tagebuch angelegt, in dem der Junge Enrico Bottini von Erlebnissen und Mitschülern seiner Klasse, einer dritten Grundschulklasse, erzählt. Die Episoden berichten von den verschiedenen Teilen Italiens, das erst wenige Jahre zuvor zu einem Staat vereint worden war, und haben einen patriotischen Anstrich. 1986 hat Hans-Ludwig Freese „Cuore“ neu übersetzt von und als gekürzte Version neu aufgelegt. Die letzte Auflage dieser Übersetzung ist von 1996, der Illustrationen der italienischen Prachtausgabe von 1892 beigefügt sind. „Cuore“ hat noch zwei, drei weitere Übersetzungen erlebt, was jedoch nicht mit der beständigen Überarbeitung von „Pinocchio“ vergleichbar ist.

Hier lässt sich eine erste Vermutung, warum relativ wenige italienische Kinder- und Jugendbücher in Deutschland veröffentlicht werden, anbringen:

Die extrem auf Italien zugeschnittenen Geschichten, die italienische Lebenswelten und italienische Heimatliebe spiegeln, bieten deutschen Leser_innen oftmals viel zu wenig Identifikationspotential. Ihnen fehlt somit die Allgemeingültigkeit, die Pinocchio für sich verbuchen kann.

Abenteuer hingegen sind universell

So sind auch die Romane von Emilio Salgari (1862-1911) – „Sandokan“ (1907), „Pharaonentöchter“ (1906), „Der algerische Panther“ (1903), „Der schwarze Korsar“ (1898) (alle Ü: Martha von Siegroth, 1929), „Die Tiger von Mompracem“ (1900) (Ü: Karl-Heinz Hellwig, 1930) – heute immer mal wieder zu haben. 2009 hatte der Schweizer Unionsverlag einige Neuübersetzungen herausgebracht („Sandokan“, Ü: Jutta Wurm). Aktuell hat der Selfpublisher-Dienstleister Tredition vier lieferbare Titel, jedoch sind es alte Übersetzungen. Vielleicht kennt die eine oder andere von euch die Geschichten noch als Hörspielkassetten oder –platten. Die ersten Übersetzungen von Salgaris Büchern lagen bereits 1913 vor: „Die Robbenjäger der Baffin-Bai“ und „Die Schiffbrüchigen von Spitzbergen“ (beide Ü: Arthur Wihlfahrt).

In Deutschland galt Salgari, der einige Jahre für verschiedene Jugendzeitschriften gearbeitet hat, als der italienische Karl May. Er hat 80 Romane geschrieben, die an den exotischsten Orten spielen, nur nicht in Italien. Dazu kamen noch unzählig Erzählungen. In den 50er und 60er Jahren entstanden zahlreiche Verfilmungen seiner Geschichten. Salgaris Werk ist folglich ein Zwitter zwischen Jugendbuch und Erwachsenenlektüre, ähnlich wie die Werke von Mark Twain oder Jules Verne, die eigentlich von allen Altersstufen gelesen werden können.

Der nächste Autor, der sowohl in Italien als auch in Deutschland zu den italienischen Klassikern gehört, ist Gianni Rodari (1920-1980). Vor allem sein Roman „Zwiebelchen“, der 1954 im ostdeutschen Kinderbuchverlag in der Übersetzung von Pan Rova herauskam, und die „Gutenachtgeschichten am Telefon“ sind hier bekannt. Dazu ein paar von seinen Gedichten, die in den 70er Jahren von James Krüss ins Deutsche gebracht wurden („Kopfblumen. 7 x 7 Gedichte für Kinder“, Kinderbuchverlag Berlin 1972). „Zwiebelchen“ war wegen seiner sozialistischen Ideale in der DDR sehr beliebt. Und ist 2009 von Kathrina Thalbach als Hörbuch eingelesen worden (die Übersetzernennung fehlt).

1964 wurden die „Favole al telefono“ zum ersten Mal von Ruth Wright übersetzt. Doch die ursprünglich 70 Geschichten waren bis 2012 in Deutschland nie komplett zu haben. In den verschiedenen Ausgaben, darunter auch eine Wagenbach-Ausgabe für Erwachsene („Das fabelhafte Telefon“, Ü: Marianne Schneider), fehlten immer einige Geschichten. 2012 durfte ich eine komplette Neuübersetzung anfertigen – und habe auch angeblich unübersetzbare Geschichten ins Deutsche gebracht. Die fantasievollen kurzen Geschichten mit ihrem kritischen Geist eignen sich gut zum Vorlesen. 1970 war Rodari mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet worden.

Die Vergessenen

Nun wird es mit den „großen“ Namen der italienischen KJB-Szene in Deutschland schon etwas dünner. Natürlich wurden immer mal wieder Bücher aus Italien übersetzt, doch sie haben sich nicht zu sogenannten Longsellern entwickelt. Denn wer erinnert sich an Donatella Ziliotto („Mister Master“, Ü: Marlis Ingenmey, 1972), Bianca Pitzorno („Polissena mit dem Schweinchen“, Ü: Bettina Dürr, 1995), Teresa Buongiorno („366 Geschichten zur guten Nacht“, Ü: Gabriele Fentzke/Marcus Würmli, 1991), Roberto Piumini („Matti und der Großvater“, Ü: Maria Fehringer, 1994), Silvana Gandolfi („Der Katze auf der Spur“, 1998) Angela Nanetti („Mein Großvater war ein Kirschbaum“, Ü: Rosemarie Griebel-Kuip, 2001), Beatrice Masini („Ballerina in Spitzenschuhen“, Ü: fehlt, 2004)? Vielleicht ein paar Eltern oder Großeltern, doch die Kinder sicherlich nicht. Im Handel sind sie allesamt vergriffen. In Italien jedoch gehören diese Autorinnen zum Kanon der KJB-Literatur, schreiben immer noch, z.T. auch Belletristisch für die Großen. So ist Angela Nanetti gerade für den Premio Strega 2018 nominiert (vergleichbar mit dem Deutschen Buchpreis).

2013 gab es dann mal eine kleine Sachbuchreihe von Federico Taddia mit dem Obertitel „Warum? Darum!“. Vier Bücher habe ich zu Themen wie Evolution, Astrologie, Geographie und Mathematik übersetzt. Eigentlich sollte die Reihe noch weitere Bände umfassen, aber die hat man gestrichen. Und ich vermute, dass sich kaum jemand an „Warum? Darum!“ erinnert. Sie ist auch nicht mehr erhältlich.

Weiter geht’s im nächsten Blogpost…


Dies ist der erste von drei Beiträgen zur italienischen Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Der zweite Teil behandelt die Kategorien “Die Aktuellen”, “Die Bilderbücher” und “Die ganz jungen Autorinnen”. Der dritte Teil dann schlussendlich “Die erwachsenen Autor_innen”, “Die Fantasy-Autor_innen” und “Die Stillen”. Viel Spaß bei der Lektüre! 🇮🇹

Italienischer Kinderbuch-Klassiker: Pinocchio

Cioa, cioa & buon giorno aus Lucca! Es ist tatsächlich passiert: Wir sind in Italien. So richtig. Mit bis zum Dach bepacktem Auto und 8 Wochen Zeit im Gepäck. Ich freu mich wahnsinnig auf die Zeit zu dritt. Auf den Strand, das Essen und und und…und endlich mal wieder Zeit zum Schreiben zu haben! Herrlich!

Habt ihr auch als Kinder Pinocchio von Disney animiert gesehen? Meine Erinnerung ist nicht mehr ganz frisch, deshalb habe ich mich die letzten Tage erneut mit diesem Klassiker der italienischen Kinderliteratur auseinandergesetzt. Geschrieben wurde das Buch von Carlo Collodi 1883. Doch bereits 1881 wurde “Le Avventure Di Pinocchio: Storia Di Un Burattino” (Abenteuer des Pinocchio: Geschichte eines Hampelmanns) stückchenweise als Fortsetzungsgeschichte in einer italienischen Zeitung veröffentlicht. Heutzutage würde Pinocchio vermutlich als Netflix-Serie starten, um dann als Hollywood-Blockbuster neu verfilmt zu werden. Oder ist das zu weit hergeholt? “Italienischer Kinderbuch-Klassiker: Pinocchio” weiterlesen

Illustrator Günther Jakobs im Interview

Im letzten Beitrag habe ich mir noch ein Interview mit ihm gewünscht und voilá, nun ist es soweit. Danke an Carlsen und Kinderbuch-Macher Günther Jakobs, der sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten. Bis vor kurzem war mir sein Name noch unbekannt, dabei besitze auch ich eine “Urmel”-Ausgabe des Münsteraners… Da wird es doch höchste Zeit, den Künstler besser kennenzulernen! Viel Vergnügen mit unserem Interview!

Lieber Günther Jakobs, Sie sind Illustrator – war das schon immer Ihr Traumberuf?

Illustrator Kinderbuch Günther Jakobs
Ich habe als Kind gerne Comics gelesen. Und wollte auch gerne so etwas machen. Ich habe mir damals als Schüler einen Karteikasten angelegt mit erfundenen Figuren. Heute würde ich gerne darauf zurückgreifen, ist aber leider verschollen.
Später hatte ich großes Interesse an Karikaturen und habe eifrig an der Schülerzeitung mitgearbeitet. Die Kinder- und Bilderbuchillustration hat mich dann erst im Studium so richtig gepackt. Illustrator war also wirklich immer mein Traumberuf!

Meine Eltern hätten mich zwar lieber als Kunstlehrer gesehen (typisch: selbst Lehrer), aber jetzt sind eigentlich alle froh, dass es anders gekommen ist – einschließlich der Schüler 😉

Aus Ihrer Autorenvita geht hervor, dass Sie nach einem Studium der Illustration noch einen Abschluss in Philosophie gemacht haben. Als studierte Philosophin darf ich erstaunt nachfragen: Warum um Himmels Willen haben Sie das denn noch gemacht?!

Tja, das hat sich so gefügt. Im Grunde kam das durch die kunsttheoretischen Kurse im Design-Studium. Unser damaliger Dozent, Michael Quante, (mittlerweile Professor an der Uni-Münster) hat einfach wahnsinnig gute Lehre gemacht. Mich haben dabei besonders die Themen der praktischen Ethik und Ästhetik interessiert. So kam es, dass ich mich während des Illustrationsstudiums als Zweithörer einschrieb und einige Seminare (hauptsächlich bei Prof. Quante) absolvierte. Als ich mich nach dem Design-Diplom schon im Haupstudium Philosophie befand, war es für mich klar, das auch abzuschließen.
Außerdem gab es mir etwas Zeit zu schauen, wie es zeitgleich mit Illustrationsaufträgen weiter ging. Quasi als Probezeit.

Neben Ihren eigenen Texten und Ideen, haben Sie auch die Neuauflage des Kinderbuchklassikers „Urmel“ von Max Kruse (Thienemann Verlag) illustriert. Ein Projekt, um das Sie viele Kollegen sicherlich beneiden. Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Thienemann ergeben? War die Illustration des „Urmeli“ ein Herzensprojekt für Sie?

Das war eine große Ehre für mich. Ich fand Urmel großartig, weil es auch manchmal so schön schräg ist. Die Zusammenarbeit hatte sich bei Thienemann ergeben, da ich zuvor schon ein Märchenbilderbuch und eine Sonderausgabe zu „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ illustriert hatte. Da war ich also schon „klassikererprobt“.

Leider habe ich Max Kruse zu Lebzeiten nicht persönlich getroffen, aber es war schon ein Erlebnis, wie er noch mit über 90 Jahren an Texten arbeitete und mir E-Mails schrieb.

Es war toll, dass ich nicht nur an Neuauflagen der bestehenden Bilderbüchern arbeiten durfte, sondern auch die letzten Neuveröffentlichungen von Max Kruse begleiten durfte (wie „Urmel saust durch die Zeit“ oder zuletzt das Bilderbuch „Urmel taucht ins tiefe Meer“).

Ihren Arbeitsplatz haben Sie in Münster, im Ateliers Hafenstraße 64 – dem gleichen Atelier, in dem z.B. auch die Kinderbuch-Illustratoren Alexander Steffensmeier („Lieselotte lauert“ etc.), Daniel Napp („Dr. Brumm“ etc.) oder Stephan Pricken („Mix Max Miezekatz“ etc.) sitzen. Ich stelle mir Ihre Ateliergemeinschaft als heimlichen Hauptsitz der deutschen Kinderbuchmacher vor. Ein mythischer Ort, an dem viel Schabernack ausgeheckt wird. Ist die Hafenstraße 64 so ein Traumbüro? Und wie hat sich die geniale Zusammensetzung ergeben?

Das klingt gut! Ich denke wir machen uns ein Schild an die Tür: Hauptquartier der deutschen Kinderbuchmacher!!! Kommt bestimmt bei Kollegen gut an 😉 Nein, im Ernst: Wir freuen uns schon, dass es im relativ kleinen Münster so eine so lebhafte Illustratoren-Szene gibt und wir ein Teil davon sind. Das liegt nicht zuletzt an der Fachhochschule, wo Illustration als eigene Fachrichtung gelehrt wurde und speziell Kinderbuchillustration sehr gefördert wurde.Viele von uns in den „Ateliers Hafenstraße“ sind schon seit dem Studium befreundet. Für mich war die Arbeit im Gemeinschaftsaltelier vor allem zu Beginn meines Berufslebens ein wichtiger Anker. Den Austausch möchte ich um keinen Preis missen, auch wenn es hier bestimmt nicht immer „mythisch“ anmutet.

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“Albert und der Baum”

Die Geschichte um den warmherzigen und gemütlichen Bären Albert ist eine Geschichte über Freundschaft und Verständnis. Über Mitgefühl und darum, das Teilen manchmal schöner sein kann, als etwas für sich alleine zu haben. Wie immer, haben es mir aber besonders die wunderbaren Illustrationen der preisgekrönten Britin Jenni Desmond angetan – es wird nicht das einzige Buch von ihr in meinem Regal bleiben!

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Schweden Spezial III: Experten im Gespräch

Auf Lütte Lotte möchte ich Euch nicht nur meine Bilderbuch-Lieblinge vorstellen, sondern auch immer mal Experten zu Wort kommen lassen. Deshalb freue ich mich sehr, dass Kerstin Behnken und Laura Christiane Schultz mir Rede und Antwort gestanden haben. Beide arbeiten als Lektorinnen in der Verlagsgruppe Oetinger. Dem deutschen Verlag von Lotta, Pippi und Pettersson.

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Schweden Spezial I: Die Klassiker

Ach Schweden, oh mein Schweden. Land der Seen, der Wälder und der Kinderbücher! Wusstet ihr das jedes 10. Buch, das in Schweden veröffentlicht wird, ein Kinderbuch ist? Literatur für Kinder hat seit jeher einen festen Platz im Feuilleton und seit 1982 gibt es sogar eine Professur für Kinderliteratur. Kein Wunder, dass die schwedische Kinderliteraturszene blüht und gedeiht und so mancher Schatz seinen Weg auch in unsere Regale findet.

Astrid LindgrenOhne dass es euch bewusst wäre, kennt ihr vermutlich eine Menge Bücher von schwedischen Autorinnen und Autoren. Die wohl wichtigste Pionierin des modernen schwedischen Kinderbuches ist Astrid Lindgren. Ihr erstes Buch “Pippi Langstrumpf” erschien 1945 und machte das schwedische Kinderbuch sogleich international bekannt. Im Laufe ihrer Karriere erhielt Astrid Lindgren zahlreiche Preise, am Ende ihres Lebens war sie gar eine schwedische Nationalheldin. Sie war es, die mit ihren Geschichten rund um starke, eigenwillige Protagonisten, auch die Rolle des Kindes in der schwedischen Gesellschaft verändert hat. Zu Astrid Lindgrens bekanntesten Figuren gehören Pippi Langstrumpf, die Kinder aus Bullerbü und Michel aus Lönneberga. “Schweden Spezial I: Die Klassiker” weiterlesen

Schwedischer Mai

Ihr Lieben,

mein Sommerurlaub nähert sich und damit wird schon ganz bald ein Traum wahr: Eine Rundreise durch Schweden mit dem VW-Bulli. Meine Vorfreude könnte nicht größer sein! Deshalb habe ich mir für den Mai etwas überlegt: Ich möchte Euch Schweden das Kinderbuchland vorstellen. Ja ja, Astrid Lindgren kennt ihr alle. Aber wie sieht es denn mit Ulf Nilsson oder Gunnel Linde aus? Eben.

Es ist nun bereits der 10. Urlaub in meinem Lieblingsland, da finde ich einen Schweden-Monat zur Feier des Jubiläums nur angemessen. Und ein paar Urlaubsfotos bekommt ihr natürlich ebenfalls zu sehen … Denn wo geht’s hin? Natürlich ins schöne Småland! Schauplatz vieler Geschichten, bekannt für zahlreiche Seen und idyllische Wälder. Auch Astrid Lindgrens Geschichten spielen hier, denn die Autorin ist in Vimmerby, in Småland, geboren.

Ach Schweden. Das ist wohl die ganz große Liebe!

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Bald schon verrate ich Euch mehr zu meinen Blog-Plänen – aber vielleicht habt Ihr ja auch Wünsche oder Ideen? Dann immer her damit!

Viele herzliche Grüße,
Eure Laura

Interview mit Alexander Steffensmeier

Lütte Lotte ist mein Herzensprojekt. Wer mich kennt, weiß, dass meine allerliebste Bilderbuchfigur fast genauso heißt: Lieselotte! Alexander Steffensmeier, der Erfinder der Postbotenkuh, hat sich mit mir über zehn Jahre Lieselotte, seine Arbeit und Vorbilder unterhalten…  “Interview mit Alexander Steffensmeier” weiterlesen

“Hello, I make art.” – Oliver Jeffers

Es gibt Künstler, auf die kann man sich verlassen. Bei denen ist jedes Buch empfehlenswert. Oliver Jeffers gehört dazu. Er ist schon lange kein Geheimtipp mehr, hat mittlerweile unzählige Preise und Auszeichnungen verliehen bekommen und ist einer meiner Lieblingsbilderbuchmenschen.

Floyds Drachen steckt im Baum fest. Was also tun? Klar, man wirft etwas hinterher. Erst einen Schuh, dann die Katze, dann das Feuerwehrauto, einen Wal und das Nachbarhaus. Die Dinge, die Floyd in den Baum wirft, werden immer größer – und alle bleiben stecken. Erst nachdem der Baum voll mit diversen Gegenständen und Lebewesen ist, segelt der Drachen friedlich gen Boden. Ganz zur Verwunderung Floyds – den Drachen hatte er schon vergessen.

““Hello, I make art.” – Oliver Jeffers” weiterlesen