„Das Nest“

Bevor ich mich im Mai auf große Schwedenreise begebe, mache ich heute noch schnell einen Ausflug ins Jugendbuch. „Das Nest“ von Kenneth Oppel und Jon Klassen hatte mich bereits auf den ersten Blick: Was für ein atmosphärisches Cover! So viel sei verraten, auch der Inhalt lässt einen nicht mehr los…

Steve ist ein seltsames Kind. In der Schule hat er nicht viele Freunde. Seinen Wespe_klassen oppelWaschzwang finden die anderen Kinder seltsam. Vor dem Zubettgehen muss Steve im Kopf verschiedene Listen durchgehen, bevor er einschlafen kann. Auch die Therapie vor einiger Zeit hat Steve nicht geholfen, seine Ängste und Zwänge loszuwerden. Er ist einfach ein Einzelgänger. Steves Schwester Nicole ist da ganz anders. Nicole ist ein fröhliches Kind, meist laut plappernd. Dieses Ungleichgewicht wird mit der Ankunft des Babys noch dramatischer: Die undiagnostizierte Krankheit des Säuglings belastet nicht nur Steves Eltern, auch ihm bereiten die vielen Krankenhausaufenthalte des Babys Sorgen. Noch nie hat er seine Eltern so bedrückt gesehen. Noch nie hatten sie so wenig Zeit für ihn und seine Schwester. Als eine engelsgleiche Wespenkönigin die „Reparatur“ seines Bruders verspricht, muss er nicht lange nachdenken, bevor er der vermeintlichen Verbesserung zustimmt. Welche furchtbare Kettenreaktion er damit jedoch in Gang setzt, wird Steve erst allmählich klar…

„Entsetzen durchzuckte mich, als ich zu fallen begann und das Larvenbaby über mir immer kleiner wurde, während ich abwärts durch das Nest stürzte. Mit einem Ruck schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Meine Decke lag auf dem Boden, als hätte jemand sie mir weggerissen.“

Illus_Klassen Oppel„Das Nest“ ist kein Buch für ängstliche Kinder. Kenneth Oppel hat mit diesem Roman eine spannungsgeladene Geschichte mit einigen unerwarteten Wendungen veröffentlicht, die sich dank der atmosphärischen Bleistiftzeichnungen Jon Klassens düster und bedrohlich anlässt. Die schemenhaften schwarz-weiß-Illustrationen eignen sich hervorragend, um Steves zwiespältige Emotionen einzufangen. Am Anfang der Geschichte überwiegt seine Eifersucht auf das Baby, auf die Zeit, die es mit Mama und Papa verbringen darf. Im Laufe der Geschichte nimmt er das neue Kind an, wie es ist: kaputt. Die engelsgleiche Bienenkönigin, die ihm süße Versprechungen macht, kommt da gerade recht. Doch je länger sie an der „Reparatur“ des Babys arbeitet, umso deutlicher wird Steve, dass die Wespen nichts Gutes im Schilde führen. Steves Zuhause, das sonst seine sichere Festung und Rückzugsort vor der Welt draußen war, ist infiltriert. Er ist nirgendwo mehr sicher – und das Baby auch nicht. Die Geschichte entwickelt sich im letzten Drittel des Buches immer alptraumhafter. Sie hat eine ungeheure Sogkraft – die Spannung ist kaum auszuhalten.

Der englischsprachige Trailer des Buches transportiert die düstere Stimmung der Geschichte sehr gut:

Kenneth Oppel und Jon Klassen sind in ihrer Heimat Kanada nicht nur bekannte Künstler, sondern wurden für ihre Werke bereits mehrfach ausgezeichnet. Mit „Wo ist mein Hut“ gelang Jon Klassen 2011 auch der internationale Durchbruch: Das Bilderbuch stand wochenlang auf der New York Times Bestsellerliste und wurde u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Ich habe ihr gemeinsamen Werkes „Das Nest“ förmlich verschlungen. Allerdings würde ich es nicht, wie vom Verlag empfohlen, als Lektüre ab 11 Jahren einstufen. Selbst für mich als Erwachsenen, war das Ende nervenaufreibend. Die dystopische Story gepaart mit den düsteren Illustrationen sollte nur in Hände gelangen, die diese Spannung aushalten und bereits verarbeiten können. Sind diese Punkte sichergestellt, steht einigen durchlesenen Stunden unter der Bettdecke allerdings nichts mehr im Weg…

 

Cover_Das Nest

 

„Das Nest“

von Kenneth Oppel und Jon Klassen
Dressler Verlag
ISBN 978-3-7915-0005-8
Erschienen im Januar 2016

 

 

 

Illustrationen aus “Das Nest” von Kenneth Oppel und Jon Klassen ©2016 Dressler Verlag

 

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