„Opas Insel“

Wenn Menschen unser Leben verlassen, ist das traurig. Allein der Gedanke, dass sie sich nun an einem besseren Ort befinden, macht den Verlust erträglich. In Benji Davis neuem Bilderbuch wird diese Hoffnung wunderbar bunt illustriert.

Opa ist für Sam der Größte. Die beiden sind unzertrennlich, ein eingespieltes Team. Als Sam eines nachmittags zu Opa nach Hause kommt, findet er ihn auf dem Dachboden. Dort wo sonst nur Staub und Gerümpel ist, klafft an diesem Tag eine riesengroße Schiffsluke in der Wand. Bevor Sam weiß, wie ihm geschieht, ist er mit Opa auf einem Ozeandampfer, auf dem Weg in die Ferne. Ihre Reise führt sie auf eine tropische Insel, die farbenfrohe Vögel und dichten Dschungel beheimatet. Sam und Opa fühlen sich pudelwohl, erkunden ihre Insel und bauen sich ein Baumhaus. Trotzdem muss Sam ganz schön schlucken, als Opa ihm eröffnet, dass er auf der Insel bleiben und nicht wieder mit nach Hause kommen wird. Allein fühlt sich die Schiffsreise viel beschwerlicher an, die See ist rau, doch Sam kommt wohlbehalten wieder zu Hause an. Von nun an ist es in Opas Haus sehr still. Sam vermisst Opa. Aber er ist sich sicher, dass Opa glücklich und zufrieden auf seiner Tropeninsel lebt und das macht die Trennung viel erträglicher.

Tukan_Snippet_Opas InselBenji Davis Bilderbuch ist auch für Erwachsene tröstlich. Die Geschichte über Opas letzte Reise ist voller Zuversicht und nähert sich den Gefühlen Verlust, Angst und Trauer sehr vorsichtig. Es ist kein Buch vom Tod oder Abschiednehmen. Vielmehr ist es ein Buch über das Leben – Abschiede gehören leider dazu. Opas letzte Reise führt ihn an einen lebenswerten Ort, der auch Sam gut gefallen hat. Ein kindliches Paradies mit bunten Tukanen, verspielten Schimpansen und weißem Sandstrand. Wenn das die Destination der letzten große Reise ist, wer könnte vor ihr noch Angst haben? Und wer würde es den eigenen Lieben nicht gönnen, dort zu bleiben? Als Sam und Opa die Insel betreten, fragt Sam noch erstaunt „Opa, brauchst du deinen Stock gar nicht?“ und Opa antwortet hoffnungsvoll „Es wird auch ohne gehen.“ Eine Szene, die mich als Erwachsener sehr berührt hat. Denn schlimmer als der endgültige Verlust, ist doch nur der Weg dahin: Der geliebte Mensch wird zerbrechlich. Auf Opas Insel allerdings geht es ihm gut, er braucht keinen Stock zum Laufen. Ein starkes Bild, das Hoffnung macht.

Gerade kleine Kinder haben Schwierigkeiten zu verstehen, warum manche Menschen sie verlassen (müssen).

„Wo ist Oma denn jetzt?“ – „Sie ist tot, Schatz.“ – „Ja, aber wo ist sie denn…?“

Kinder haben noch kein Verständnis für Zeit, für Vergänglichkeit und Ewigkeit. Gerade sie brauchen Geschichten zur Bewältigung des Verlustes. Ob Oma als Engel auf einer Wolke sitzt oder sich auf einer tropischen Insel aufhält, wichtig ist, dass Kinder den geliebten Menschen an einem guten Ort wissen. Ein imaginierter Ort, an den auch sie sich träumen können.

Mit „Opas Insel“ hat Benji Davis genau so einen gedanklichen Anker für Groß und Klein geschaffen. Die fröhlich bunten Farben der Illustrationen und der glücklich aussehend gezeichnete Opa, mit den roten Wangen und dem weißen Rauschebart, stützen die positive Botschaft des Buches: Für uns mag der Abschied nicht leicht sein, aber unser geliebter Mensch ist jetzt an einem guten Ort. Ihm geht es gut. Und das sollte es uns auch.

 

Opas Insel_Cover

 

„Opas Insel“

von Benji Davis
Aladin Verlag
ISBN 978-3848901029
Erschienen im Januar 2016
https://www.carlsen.de/hardcover/opas-insel/71166

 

 

Alle Illustrationen sind aus „Opas Insel“ von Benji Davis ©2016 Aladin Verlag

 

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