„Grenzlandtage“

Ich muss ganz ehrlich mit euch sein: Die Bücher, die mir am besten gefallen, sind meist fantastische Werke. Ob nun von J.K. Rowling oder Stanislaw Lem – Geschichten, die in anderen Welten spielen, ziehen mich in ihren Bann. Kein Wunder, denkt man daran, was in unserer Welt tagtäglich an Grausamkeit und Ungerechtigkeit passiert. Nicht, dass es in fantastischen Büchern keine Anschläge, Krieg oder schlechte Menschen gäbe. Doch das Wissen darum, dass es sich bei den Gräueltaten in den Büchern eindeutig um Fiktion handelt, macht es für mich um einiges erträglicher.

Es fühlt sich so an, als wäre dieses Jahr lauter als andere zuvor. 2016 hat mich einige Male zusammenschrecken lassen. Jede neue Nachricht scheint negativ zu sein. 2016 ist politischer als andere Jahre. Aber 2016 hat mich auch dazu animiert, mich intensiver mit aktuellen Thematiken auseinanderzusetzen. Literatur nicht nur als Flucht aus dem Alltag zu begreifen, sondern auch als Mittel zur Reflexion. In der Kunst werden Themen anders beleuchtet als in den 20 Uhr Nachrichten – zum Glück! Denn die Welt besteht nicht nur aus Krieg und Hass und Zerstörung. Sie besteht auch immer (!) aus Liebe und Zuversicht und Familien und Freunden und die Sonne scheint trotzdem immer irgendwo. Ein beruhigender Gedanke.

 

Wegschauen ist keine Option

Peer Martin
Peer Martin

Ein Gedanke, den „Grenzlandtage“ von Peer Martin und Antonia Michaelis ganz besonders verkörpert. Bereits in seinem Debütroman „Sommer unter schwarzen Flügeln“ setzte sich Peer Martin mit einem politischen Thema auseinander: Was, wenn sich ein Nazi und ein syrisches geflüchtetes Mädchen ineinander verliebten? In „Grenzlandtage“ wird eine ähnlich komplexe Liebesgeschichte ersonnen, um ein noch komplexeres Thema zu beleuchten: Die sogenannte Flüchtlingskrise. Eine Hydra, die immer mehr Köpfe bekommt, je länger man sich mit ihr beschäftigt…

„Europa. Nein, hier herrscht kein Krieg, hier gibt es keine Folter, keinen Hunger und keine Gewalt. Europa ist ein stilles, friedliches Grab.“

Jule und Evelyn steht der Abi-Stress bevor, deshalb beschließen die beiden, noch einmal in den Urlaub zu fliegen. Zwei Wochen auf einer kleinen griechischen Insel sollen es werden. Aber Evelyn erkrankt kurzfristig, sodass Jule sich allein auf den Weg macht. Auf der Insel angekommen, erwarten Jule einheimische Machos, Einsamkeit und Straßenhunde. Zu zweit wäre diese Reise sehr viel lustiger geworden! Als sie Asman kennenlernt, ändert sich alles. Asman gibt sich als israelischer Wild-Camper aus – zwischen den beiden Jugendlichen knistert es sofort. Es dauert lange, bis Jule mehr über Asmans Vergangenheit, seine palästinensische Abstammung und seine schreckliche Flucht aus dem Kriegsgebiet erfährt. Peer Martin und Antonia Michaelis schaffen es, den jugendlichen Leser langsam an die harte Realität heranzuführen. Jule erfährt häppchenweise, wie Asman auf die Insel gelangt ist und weshalb er überhaupt fliehen musste. Jule ist eine typisch deutsche Jugendliche. Für sie ist der Krieg im Nahen Osten zwar eine Konstante in den Nachrichten, was genau dort jedoch geschieht und welchen Part Europa dabei spielt, muss auch sie erst im Internetcafé des kleinen Ortes recherchieren. „Grenzlandtage“ ist über 400 Seiten lang keine seichte Lektüre. Doch mir kommt es vor, als hätte ich die vielen Seiten, die Lesezeit, gebraucht.

„Grenzlandtage“ verliert die Komplexität des Themas nicht aus den Augen. Nicht nur die Flüchtlinge der Geschichte haben Angst und schauen sorgenvoll in die Zukunft. Peer Martin und Antonia Michaelis greifen auch die Gefühle der Griechen auf: Wie soll man weiterhin vom Tourismus leben, wenn die Krise noch schlimmer wird? Wie wird es in der Region weitergehen? Wovon sollen die Menschen sonst leben? Wer ist zuständig für die Flüchtlinge? Wo soll man sie unterbringen und wer soll sie versorgen? Fragen, die auch in Deutschland gestellt werden. Dabei leben wir den Luxus, nicht täglich angespülte Leichen von unseren Stränden entfernen zu müssen. Wie dumm man sich doch als Leser fühlt – Jule fühlt es ebenso.

„Blickt man jetzt nach Syrien, kommt man nicht umhin, unsere deutsche Misere mit den Rechten als Luxusproblem zu empfinden. Aber auch hier gibt es brennende Häuser, auch hier leben Menschen in Angst: gerade solche, die aus ihren eigenen Ländern geflohen sind.“ – Peer Martin (2014)

Antonia Michaelis
Antonia Michaelis

Wenn man in Frieden lebt ist Krieg nicht greifbar. „Grenzlandtage“ zeigt meines Erachtens eins besonders gut auf: Egal, auf welcher Seite wir stehen, wir sind alle Menschen. Wir haben alle eine Mutter und einen Vater, vielleicht Geschwister und sicherlich Freunde. Wir sehnen uns nach Gesundheit für unsere Lieben, nach Sicherheit. Niemand verlässt seine Heimat ohne Grund. Niemand begibt sich ohne Grund auf eine Reise, die mit großer Sicherheit auf dem Boden des Mittelmeeres endet. Und das ist keine Frage von Religion, Staatsangehörigkeit oder Geschlecht. Auch wenn seine Heimat zerstört wurde, seine Schwester schwanger von einer Vergewaltigung ist und sein bester Freund nicht mehr lebt, Asman ist getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Und wem würde man diese Hoffnung absprechen wollen? Was wäre, wenn es nicht in Syrien wäre, sondern der Krieg vor unserer Haustür stattfinden würde? Wenn wir nicht wegschauen könnten?

Peer Martin hat auf seiner Homepage zu „Sommer unter schwarzen Flügeln“ gewissenhaft Informationen zum Syrien-Konflikt, zu Asylpolitik und Nationalsozialismus zusammengestellt. Ich kann diese Seite nur jedem ans Herz legen.

 

Grenzlandtage„Grenzlandtage“

von Antonia Michaelis und Peer Martin
Oetinger Taschenbuch
ISBN 978-3-8415-0469-2
Erschienen im Dezember 2016

 

 

 

 

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