Schweden Spezial III: Experten im Gespräch

Auf Lütte Lotte möchte ich Euch nicht nur meine Bilderbuch-Lieblinge vorstellen, sondern auch immer mal Experten zu Wort kommen lassen. Deshalb freue ich mich sehr, dass Kerstin Behnken und Laura Christiane Schultz mir Rede und Antwort gestanden haben. Beide arbeiten als Lektorinnen in der Verlagsgruppe Oetinger. Dem deutschen Verlag von Lotta, Pippi und Pettersson.

 

Liebe Christiane, liebe Kerstin, vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit für die Beantwortung meiner Fragen nehmt. Erzählt Ihr uns kurz etwas zu Eurer Person und Eurer Verbindung zu schwedischer Kinderliteratur?

Christiane: Ich habe eine dänische Mama, und mein Bruder ist vor einigen Jahren nach Stockholm ausgewandert – und natürlich habe ich ganz viele skandinavische Kinderbücher gelesen. Also habe ich Skandinavistik studiert, das fand ich irgendwie logisch. Und jetzt habe ich einen Haufen schwedischer Nichten und Neffen und arbeite auch noch im Oetinger Kinderbuchlektorat, das passt ganz gut zusammen!

Kerstin: Ich habe als Kindergartenkind „Bullerbü“ geschenkt bekommen und von da an sämtliche Bücher Astrid Lindgrens geliebt und verschlungen. Später habe ich ein Jahr in Schweden studiert und die Sprache gelernt und hatte dann das Glück, ein Volontariat bei Oetinger beginnen zu können, wo ich seitdem für unsere Bücher aus Skandinavien zuständig bin.

Kerstin und Christiane Lektorat Schweden
Kerstin Behnken (links) und Christiane Laura Schultz (rechts) arbeiten als Lektorinnen in der Verlagsgruppe Oetinger.
Astrid Lindgren und Sven Nordqvist kennt ja mittlerweile fast jeder. Habt ihr schwedische Lieblingsautoren, die in Deutschland noch nicht so bekannt sind? 

Christiane: Pija Lindenbaum schreibt und illustriert ganz tolle Bilderbücher, die witzig und nachdenklich zugleich sind und das Kindsein in ganz einfachen Bildern und Worten einfangen.
Ulf Stark ist auch sehr zu empfehlen! Und mein dänischer Geheimtipp ist Kim Fupz Aakesson, von dem bislang leider nicht sehr viel ins Deutsche übersetzt worden ist. Ich hoffe, das ändert sich bald! Seine Themen sind immer sehr ungewöhnlich und die Figuren liebenswert und schräg.
Ich glaube, das ist es auch, was die aktuelle skandinavische Kinderliteratur ausmacht: Der Blick für das Detail, die volle Konzentration eines Kindes auf einen vertrockneten Frosch auf der Fußmatte, und all die Gedanken und Handlungen, die sich daraus ableiten. Das hat oft etwas herrlich Absurdes, über das Kinder und Erwachsene gleichermaßen nachdenken, traurig sein und lachen können.

Kerstin: Genau! Pija Lindenbaum! Sie kann sich ganz wunderbar in Kinder hineinversetzen und aus ihrer Perspektive erzählen. Ihre Figuren sind stark und selbstbewusst, dürfen aber auch trotzig und wütend sein. In Ihren Texten ist jedes Wort wohldurchdacht und stimmig auf den Punkt. Pija schreibt aber nicht nur, sie ist auch eine großartige Illustratorin. Ihre Bilderwelten sind farbstark und perspektivenreich und unterstreichen die Gefühlswelten der Kinder perfekt.

 

Der deutsche Buchmarkt ist stark von schwedischer Literatur geprägt – sei es nun im Kinderbuch oder in der Krimiabteilung. Was macht den schwedischen Stil aus? Kann man klare Unterschiede zwischen deutschen und schwedischen Literaturprodukten feststellen?

so ein kack_pernilla stalfeltKerstin: Man hat oft den Eindruck, dass schwedische Kinderbücher mutiger sind und den Kindern und Jugendlichen mehr zutrauen. Bei Themen wie Sex, Gewalt oder Tod sind die Schweden oft weitaus deutlicher und expliziter, als man es sich in vielleicht in Deutschland trauen würde. Ich bin auch nicht sicher, ob man in Deutschland auf die Idee gekommen wäre, ein Bilderbuch wie „So ein Kack!“ von Pernilla Stalfelt zu machen, in dem es um die verschiedenen Formen, Farben und Arten eben von genau dem geht. Und auch schwedische Illustrationen sind ganz anders als deutsche: Sie wirken moderner, weniger glatt und lieb und sind oft so, dass wir sie für Deutschland als unverkäuflich einstufen würden, weil sie für das deutsche Empfinden zu wenig sympathisch wirken.

Es ist wirklich erstaunlich, dass in zwei Kulturen, die sich doch eigentlich so ähnlich sind, die Sehgewohnheiten dann doch so voneinander abweichen.

Christiane: Auffällig finde ich auch die klare Sprache. Die Schweden (oder auch die Skandinavier im Allgemeinen) können oft in wenigen Worten sagen, wofür wir meist lange verschachtelte Ausführungen brauchen. Das ist auch beim Übersetzen eine Herausforderung! Den Witz hatte ich ja schon angesprochen – Wortspielereien und Situationskomik, die eher nebenher passieren und weniger auf den Gag hingeschrieben sind. Und das Kind steht immer im Fokus. Es ist nicht so, dass die deutsche Kinderliteratur das nicht kann, aber die schwedische kann es vielleicht ein kleines bisschen besser!

 

Schweden hat eine sehr liberale Familienpolitik. Spielt die Lebenswirklichkeit unserer Nachbarn aus dem Norden in ihre Kinderbücher rein?

 Christiane: Ja, auf jeden Fall! Das Kind steht absolut im Mittelpunkt, es ist das Kind, das erlebt, beobachtet und erzählt. Dafür ist Pija Lindenbaum das beste Beispiel und Astrid Lindgren natürlich sowieso. Innerhalb seines Universums ist für das Kind alles möglich und erlaubt.

Auch die Andersartigkeit von Kindern und ihren Familien spielt immer wieder eine Rolle. Aber das Anderssein ist weniger ein Thema sondern eine Tatsache.

Kerstin: Ich finde auch, dass in schwedischen Büchern moderne Familienmodelle selbstverständlicher sind. Ich habe das Gefühl, dass es viel mehr Patchworkfamilien gibt und dass es auch ganz natürlich ist, dass der Papa in der Küche oder am Bügelbrett steht. Und schon in den 1970ern hat Gunilla Bergström ja mit Willi Wiberg einen Jungen geschaffen, der völlig selbstverständlich mit seinem alleinerziehenden Papa lebt.

 

Gibt es auf dem schwedischen Literaturmarkt vielleicht bereits einen Trend, der bald bei uns ankommen wird? Oder ein aktuell erfolgreiches Buch, das dann (hoffentlich) bald bei uns erscheint?

Christiane: Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass in Skandinavien auf Trends hingeschrieben wird. Wie die Familienpolitik ist auch der Kinderbuchmarkt sehr liberal – es ist Platz für alle da.

Das Mädchen von weit wegKerstin: In Schweden waren in den letzten Jahren Mystery- und Spukgeschichten ziemlich gefragt. Der Trend hat sich allerdings nicht so recht nach Deutschland übertragen. Daneben gibt es aber auch viel Fantasy und natürlich die vielen realistischen Kinder- und Jugendbücher, in denen Probleme der Alltagswelt thematisiert werden, für die Schweden ja bekannt ist. Was der neue Bestseller aus Schweden sein wird? Man wird sehen … Bei Oetinger erscheint im Juli ein wunderschönes Bilderbuch von Annika Thor und Maria Jönsson: „Das Mädchen von weit weg“: Eine Geschichte über Zugehörigkeit und das Glück, etwas zu finden, von dem man gar nicht wusste wie sehr man es vermisst hat. Darauf freuen wir uns schon!

 

Vielen Dank für das ausführliche Interview, liebe Kerstin und Christiane!

P.s.: „Das Mädchen von weit“ ist ab Juli 2016 im Buchhandel erhältlich!

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