Niemals Gewalt! Astrid Lindgrens flammende Rede für Kinderrechte

Manche Bücher brauchen keine 1000 Seiten, um wichtig und machtvoll zu sein. Astrid Lindgrens Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978 „Niemals Gewalt!“ braucht nur wenige Worte. Diesen Monat ist ihre Rede endlich wieder in gedruckter Form im Verlag Friedrich Oetinger erschienen. Ein unscheinbares kleines Büchlein für nur 5 €. Umso furiuoser ist sein Inhalt. Mich hat er tief bewegt und zum Nachdenken angeregt – eine absolute Leseempfehlung!

Astrid Lindgren hat wie kaum eine andere Autorin die Kinderliteraturlandschaft geprägt. In ihrem Heimatland Schweden war sie jedoch noch viel angesehener, ihre Worte hatten Gewicht. Nicht nur einmal hat sie ihre politische Meinung in den Medien kundgetan und sich besonders nach ihrer Geheimdienstarbeit während des zweiten Weltkriegs, für eine friedliche Welt eingesetzt. 1978 war der zweite Weltkrieg erst knapp 30 Jahre vorbei, viele Erwachsene hatten die Schrecken des Krieges noch vor Augen, Angehörige oder Freunde verloren. Als Astrid Lindgren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, sollte sie besonders für ihre Verdienste um die Phantasie junger Menschen geehrt werden. Die Organisatoren erwarteten eine Rede, die sich um Bullerbü und Lönneberga, um Lausbuben und vorlaute Mädchen dreht. Stattdessen sprach Astrid Lindgren über Gewalt. Über Gewalt an Kindern und ihre komplette Ablehnung dieser bis dato gängigen Praxis der Erziehung. Sie brachte das Publikum der Paulskirche in Verlegenheit: Immerhin galt 1978 noch das elterliche Recht auf körperliche Züchtigung in Deutschland. Kinder zu schlagen war im Deutschland der 70er Jahre leider normal.

Astrid Lindgren brauchte nicht viele Worte, sie bringt die Themen auf den Punkt, redet nicht drumherum. Am Anfang ihrer Rede fragte sie sich, wie wir Frieden auf dieser Welt erreichen können (immerhin hat sie gerade einen Friedenspreis verliehen bekommen). Wie sollen Menschen, die mit Gewalt aufwachsen, eine friedliche Welt lenken und gestalten? Wie können wir den kriegerischen roten Faden der Menschheitsgeschichte durchbrechen? Ihr Ansatz: Wir müssen bei den Kindern anfangen. Kinder sind die Meinungsmacher und Weltherrscher von morgen. Sie werden unsere Welt in gar nicht allzu langer Zeit übernehmen, deshalb müssen wir sie mit möglichst viel Liebe zu gütigen Erwachsenen erziehen. Kein Kind kommt gut oder böse auf die Welt. Kinder sind unschuldig und lernen durch soziale Prägung.

„Wer die Rute schont, verdirbt den Knecht.“ (Altes Testament)

Gewalt an Kindern gehörte im Jahr 1978 noch zum Alltag. Nur körperliche Züchtigung vermochte Kinder zu formen und zu ehrbaren und gehorsamen Erwachsenen zu erziehen – so die landläufige Meinung. Diese Einstellung kritisiert Astrid Lindgren aufs Schärfste. Ihr sind die Argumente der Gegenseite geläufig: „Wir erziehen unsere Kinder zu Weicheiern! – Was soll aus einem Kind werden, das keine Grenzen kennt? – Da können wir den Kindern ja gleich die Politik überlassen!“ Doch ihr geht es nicht um Zügellosigkeit, Kinder brauchen Grenzen. Sie brauchen ein Wertesystem, an dem sie sich orientieren können. Nur bedarf es dazu keiner physischen oder psychischen Gewalt. Und ich stimme Astrid Lindgren vollkommen zu.

Zum Verständnis ihrer Argumentation, erzählte Astrid Lindgren die Geschichte einer Mutter und ihres Sohnes. Der Sohn hatte etwas getan, wofür man in früheren Zeiten eine Tracht Prügel als Strafe vorsah. Nun schickte sie ihn raus, um selbst nach einer geeigneten Rute zu suchen, mit der sie die Züchtigung vornehmen wollte. Ihr Sohn blieb lange weg und kam letztendlich weinend mit einem Stein zurück: „Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.“ Dies erschütterte die Mutter bis ins Innerste. Ihr Sohn musste wirklich gedacht haben, dass seine Mutter ihm starke Schmerzen hatte zufügen wollen – das geringe Ausmaß der Züchtigung konnte er gar nicht einschätzen. Da begann auch sie zu weinen und verstand, dass ihr Sohne niemals durch eine Tracht Prügel zur Einsicht seines Fehlers gebracht worden wäre. Deshalb legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche. Als Mahnung.

„Vielleicht wäre es gut, wenn wir alle einen kleinen Stein auf das Küchenbord legten als Mahnung für uns und für die Kinder: Niemals Gewalt!“

Für mich persönlich ist Astrid Lindgren eine große Intellektuelle, ein literarisches und feministisches Vorbild. Ich möchte, dass jeder Mensch diese wenigen Seiten liest und sich fragt, wann er das letzte Mal gewalttätig war. Schläge verletzen und auch Worte können Schläge sein. Erzieht eure Kinder zu Toleranz und Friedlichkeit, zu Warmherzigkeit und zum Nachdenken. Gewalt schadet allen.

 

„Niemals Gewalt!“
von Astrid Lindgren
mit einem Vorwort von Dunja Hayali
Verlagsgruppe Oetinger 2017
ISBN 978-3-7891-0789-4

 

 

 

Das Headerbild wird unter der Genehmigung der Verlagsgruppe Oetinger verwendet. © Verlagsgruppe Oetinger / 2017


Gewinnspiel

Tausend Dank an die Verlagsgruppe Oetinger, die mir das Büchlein als Rezensionsexemplar zugeschickt und gleich noch ein zweites dazugepackt haben. Dieses möchte ich einer/einem von euch gerne schenken. Wer „Niemals Gewalt!“ unbedingt lesen möchte, darf das also gerne in den Kommentaren kundtun. Jeder Kommentar, der bis zum 05. April um 18 Uhr unter diesem Beitrag eingeht, nimmt an der Verlosung teil. Viel Erfolg!

Laura

 

Indiebookday – Für Kinderbuchleser

Einmal im Jahr feiert das Netz kleine und unabhängige Verlage und ihre klasse Bücher. Leider gehen diese in der Flut der Neuerscheinungen oft unter. Große Verlage sind in Buchhandlungen automatisch zahlreicher vertreten, da sie auch viel mehr Titel auf den Markt bringen. Daniel Beskos aus dem Mairisch Verlag möchte die Sichtbarkeit der Kleinen verbessern und veranstaltet deshalb am morgigen Samstag bereits zum fünften Mal den Indiebookday.

Das Mitmachen ist ganz einfach:
  • Geht in eure Lieblingsbuchhandlung
  • Kauft ein Buch eines kleinen oder unabhängigen Verlages
  • Postet ein Bild des Buches auf dem Social-Media-Kanal eurer Wahl
  • Verwendet den Hashtag #indiebookday

Es gibt viele Möglichkeiten herauszufinden, welche Verlage klein und unabhängig und damit indie sind. Die Kurt-Wolff-Stiftung bringt einmal jährlich einen Katalog mit 65 unabhängigen Verlagen heraus. Aber z.B. auch Mara von Buzzaldrins Bücher hat eine klasse Liste veröffentlicht. Was mir immer fehlt, ist eine Übersicht über unabhängige Kinderbuchverlage. Deshalb habe ich hier mal ein paar versammelt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Unabhängige Kinderbuchverlage:

 

Viel Spaß beim Schmökern, Shoppen und Vernetzen. Ich werde morgen jedenfalls durch meine Lieblingsbuchläden schlendern und die Augen nach Indie-Perlen offen halten. Sehr empfehlen kann ich in Hamburg Cohen + Dobernigg, die Buchhandlung Lüders und die Buchhandlung Christiansen. Vielleicht sehen wir uns ja!

 

 

Fallen euch noch mehr Indie-Kinderbuchverlage ein? Dann postet sie gerne in die Kommentare und ich ergänze.

 

„Herr Panda und das BITTE“

Ach ja, die Höflichkeit. Bekannterweise haben wir ja alle ein anderes Empfinden, wenn es ans Thema Höflichkeit geht. Worauf sich die meisten unter uns jedoch einigen können, ist, dass Danke und Bitte zum Grundwortschatz gehören sollten. Wer das mit seinen Kindern üben möchte, sollte sich „Herr Panda und das BITTE“ anschaffen.

„Höflichkeit ist Klugheit, folglich ist Unhöflichkeit Dummheit.“ – Arthur Schopenhauer

Die Geschichte des Buches ist schnell erzählt: Herr Panda hat einen Karton voll Donuts. Er geht von Tier zu Tier und fragt: „Möchtest du einen Donut?“ Keines der Tiere antwortet mit „Ja, danke!“ oder „Bitte den Blauen!“, sodass Herr Panda seine Donuts doch lieber für sich behält. Erst das letzte Tier antwortet sehr höflich auf seine Frage: „Darf ich einen Donut haben? Bitte, Herr Panda.“ Und Herr Panda schenkt ihm alle – er mag gar keine Donuts.

Soweit, so einfach erzählt. „Herr Panda und das BITTE“ amüsiert aber vor allem durch schlichte Illustrationen und einen herrlich genervten Herr Panda. Schon auf dem Cover guckt er so grimmig – man hört ihn gedanklich laut stöhnen: „Warum konntest du mir keine Lakritzschnecken mitbringen? Wieso mussten es Donuts sein? Du weißt doch, dass ich keine Donuts mag. Na gut, dann verschenke ich sie jetzt halt…“ Gesagt, getan. Und dann haben die anderen Tiere auch noch die Frechheit, nicht einmal Danke oder Bitte zu sagen. Illustrativ kommt das Buch sehr reduziert daher. Herr Panda und die anderen Tier sind schwarz-weiß gezeichnet, lediglich die Donuts wurden ansprechend farblich illustriert. Es wurde auf viel Text verzichtet. Stattdessen bekommen Vorlesende den Raum, über die gezeigten Szenen zu sprechen. Warum ist Herr Panda von den anderen Tieren so genervt? Was war unhöflich an dieser Antwort? Was hätte sie stattdessen sagen können?

Wie heißt das Zauberwort?

Nun kann man das Buch platt finden oder nicht. In meinen Augen behandelt es dieses Thema sehr präzise auf den Punkt. Höflichkeit hat natürlich auch etwas mit Gestik, Mimik und dem Verhältnis zwischen zwei Menschen zu tun. Trotzdem gehören für mich Danke und Bitte in jeglicher Kommunikation dazu. Egal, ob ich Menschen kenne oder nicht. Egal, ob ich Menschen mag oder nicht. Und ganz ehrlich: Wie könnte man diese elementare sprachliche Grundregel besser vermitteln, als mit einer süßen klebrigen Belohnung? Natürlich ist positive Konditionierung keine Alternative zu verständnisbasierter Erziehung. Aber um Höflichkeit und ihre Konsequenzen bildlich verständlich für Kleinkinder darzustellen, ist „Herr Panda und das BITTE“ sehr gut geeignet. Ich habe jedenfalls schmunzeln müssen…und gehe mir jetzt einen Donut kaufen.

 

höflichkeit herr-panda-und-das-bitte_cover„Herr Panda und das BITTE“

von Steve Antony
ISBN 978-3-7616-3113-3
J.P.Bachem Verlag
Erschienen im Januar 2017

 

 

 

 

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Torfstecher & Höhlenforscher – Homosexualität im Bilderbuch

Vor ein paar Tagen bin ich durch Eimsbüttel geschlendert und an der wunderbaren Buchhandlung Lüders vorbeigekommen. Hier durfte ich vor etlichen Jahren (ist es wirklich schon 12 Jahre her…?) mein erstes Praktikum machen. Ein fabelhafter Buchladen, der zum stöbern verführt und immer noch zu meinen Lieblingsorten in Hamburg zählt. Sie haben eine kleine, aber gut sortierte Bilderbuchecke, in der ich einen Schatz gefunden habe: „Papa ist doch kein Außerirdischer!“ von Anna Boulanger. Ein Buch, das alle Vorurteile gegenüber Homosexualität mit historisch anmutenden, zarten Illustrationen ad absurdum führt.

Viele Namen für eine einfache Erklärung

Theo verbingt jedes Wochenende bei seinem Vater. Für ihn heißt er Paul oder Papa. Andere Menschen nennen seinen Vater jedoch Höhlenforscher, Torfstecher oder Warmer. Sein Vater erhält allerlei Spitznamen, die Theo nicht versteht. Eines Tages erzählt Theo seinem Vater von den vielen Namen und versteht:

„Die ganzen Sachen, die ich gehört habe, bedeuten einfach nur, dass mein Papa schwul ist. Das heißt, dass er Männer liebt.“

Anna Boulangers Bilderbuch beschäftigt sich kindlich naiv mit den Auswirkungen der Sprache auf unser Denken. Das Vorsatzpapier dieses wunderschön gestalteten Bilderbuches zeigt Fetzen von Wörterbucheinträgen: Alles Synonyme für Homosexualität. Boulanger hat die Wörter zusammengetragen und ihnen, im wahrsten Sinne des Wortes, Flügel verpasst. Neben den schwebenden Wörterbucheinträgen steht ein junger Mann mit suchendem Gesichtsausdruck und Höhlenforscher-Equipment – verloren zwischen den vielen Doppeldeutigkeiten. Continue reading „Torfstecher & Höhlenforscher – Homosexualität im Bilderbuch“

Illustrator Günther Jakobs im Interview

Im letzten Beitrag habe ich mir noch ein Interview mit ihm gewünscht und voilá, nun ist es soweit. Danke an Carlsen und Kinderbuch-Macher Günther Jakobs, der sich die Zeit genommen hat, meine Fragen zu beantworten. Bis vor kurzem war mir sein Name noch unbekannt, dabei besitze auch ich eine „Urmel“-Ausgabe des Münsteraners… Da wird es doch höchste Zeit, den Künstler besser kennenzulernen! Viel Vergnügen mit unserem Interview!

Lieber Günther Jakobs, Sie sind Illustrator – war das schon immer Ihr Traumberuf?

Illustrator Kinderbuch Günther Jakobs
Ich habe als Kind gerne Comics gelesen. Und wollte auch gerne so etwas machen. Ich habe mir damals als Schüler einen Karteikasten angelegt mit erfundenen Figuren. Heute würde ich gerne darauf zurückgreifen, ist aber leider verschollen.
Später hatte ich großes Interesse an Karikaturen und habe eifrig an der Schülerzeitung mitgearbeitet. Die Kinder- und Bilderbuchillustration hat mich dann erst im Studium so richtig gepackt. Illustrator war also wirklich immer mein Traumberuf!

Meine Eltern hätten mich zwar lieber als Kunstlehrer gesehen (typisch: selbst Lehrer), aber jetzt sind eigentlich alle froh, dass es anders gekommen ist – einschließlich der Schüler 😉

 

Aus Ihrer Autorenvita geht hervor, dass Sie nach einem Studium der Illustration noch einen Abschluss in Philosophie gemacht haben. Als studierte Philosophin darf ich erstaunt nachfragen: Warum um Himmels Willen haben Sie das denn noch gemacht?!

Tja, das hat sich so gefügt. Im Grunde kam das durch die kunsttheoretischen Kurse im Design-Studium. Unser damaliger Dozent, Michael Quante, (mittlerweile Professor an der Uni-Münster) hat einfach wahnsinnig gute Lehre gemacht. Mich haben dabei besonders die Themen der praktischen Ethik und Ästhetik interessiert. So kam es, dass ich mich während des Illustrationsstudiums als Zweithörer einschrieb und einige Seminare (hauptsächlich bei Prof. Quante) absolvierte. Als ich mich nach dem Design-Diplom schon im Haupstudium Philosophie befand, war es für mich klar, das auch abzuschließen.
Außerdem gab es mir etwas Zeit zu schauen, wie es zeitgleich mit Illustrationsaufträgen weiter ging. Quasi als Probezeit.

Neben Ihren eigenen Texten und Ideen, haben Sie auch die Neuauflage des Kinderbuchklassikers „Urmel“ von Max Kruse (Thienemann Verlag) illustriert. Ein Projekt, um das Sie viele Kollegen sicherlich beneiden. Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Thienemann ergeben? War die Illustration des „Urmeli“ ein Herzensprojekt für Sie?

Das war eine große Ehre für mich. Ich fand Urmel großartig, weil es auch manchmal so schön schräg ist. Die Zusammenarbeit hatte sich bei Thienemann ergeben, da ich zuvor schon ein Märchenbilderbuch und eine Sonderausgabe zu „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ illustriert hatte. Da war ich also schon „klassikererprobt“.

Leider habe ich Max Kruse zu Lebzeiten nicht persönlich getroffen, aber es war schon ein Erlebnis, wie er noch mit über 90 Jahren an Texten arbeitete und mir E-Mails schrieb.

Es war toll, dass ich nicht nur an Neuauflagen der bestehenden Bilderbüchern arbeiten durfte, sondern auch die letzten Neuveröffentlichungen von Max Kruse begleiten durfte (wie „Urmel saust durch die Zeit“ oder zuletzt das Bilderbuch „Urmel taucht ins tiefe Meer“).

Ihren Arbeitsplatz haben Sie in Münster, im Ateliers Hafenstraße 64 – dem gleichen Atelier, in dem z.B. auch die Kinderbuch-Illustratoren Alexander Steffensmeier („Lieselotte lauert“ etc.), Daniel Napp („Dr. Brumm“ etc.) oder Stephan Pricken („Mix Max Miezekatz“ etc.) sitzen. Ich stelle mir Ihre Ateliergemeinschaft als heimlichen Hauptsitz der deutschen Kinderbuchmacher vor. Ein mythischer Ort, an dem viel Schabernack ausgeheckt wird. Ist die Hafenstraße 64 so ein Traumbüro? Und wie hat sich die geniale Zusammensetzung ergeben?

Das klingt gut! Ich denke wir machen uns ein Schild an die Tür: Hauptquartier der deutschen Kinderbuchmacher!!! Kommt bestimmt bei Kollegen gut an 😉

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Papperla-Pappbuch-Tipps für kleine Leute

Gehört ihr zu den Glücklichen, bei denen es gerade schneit? In Hamburg regnet es leider nur Bindfäden – dafür eignet sich das Wetter ganz famos zum Einkuscheln mit Lieblingsbüchern. Oder zur ersten Bestandsaufnahme des neuen Jahres. Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich euch drei Pappbücher vorenthalten habe, die ihr (und alle 2,5-Jährigen) unbedingt kennen solltet. Eieiei! Na dann mal an die Bücher, fertig, los!

„Welches Pferd heißt Gerd?“

Das Cover dieses großartigen Wimmel-Such-Buches verrät es euch schon: Es geht um Einzigartigkeit. Denn genau wie alle anderen zu sein, ist doch langweilig. Es ist ok, anders zu sein und sich von der Masse abzuheben. Und so sucht man zwischen grasenden Ponys, das rasend schnelle Superpferd Gerd oder zwischen zahlreichen Hunden, den Ballerina-Mops Siegmund. Herrlich verrückte Reime und liebevolle Illustrationen und bringen in diesem Pappbuch-Knaller garantiert jeden zum Lachen!

„Genau wie jeder andere sein? Nö! Da sagen wir laut: ‚Nein!‘ Jeder ist – das ist doch klar -, so wie er ist, ganz wunderbar!“

Illustratorin Kathrin Wessel aka Käselotti designt Stoffe, näht für ihr Leben gern und hat sogar mal als Grafikdesignerin im Kinderbuchverlag Oetinger gearbeitet. Wer ihre Illustrationen genauso mag wie ich, sollte mal auf ihrer Website vorbeischauen. Dort kann man Broschen, Stoffe oder Postkarten in ihrem unverwechselbaren Stil erstehen. Yippieh!

welches pferd heißt gerd cover pappbuch„Welches Pferd heißt Gerd?“
von Kathrin Wessel und Anne-Kristin zur Brügge
Oetinger 2016
ISBN 978-3-7891-2455-6

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„Grenzlandtage“

Ich muss ganz ehrlich mit euch sein: Die Bücher, die mir am besten gefallen, sind meist fantastische Werke. Ob nun von J.K. Rowling oder Stanislaw Lem – Geschichten, die in anderen Welten spielen, ziehen mich in ihren Bann. Kein Wunder, denkt man daran, was in unserer Welt tagtäglich an Grausamkeit und Ungerechtigkeit passiert. Nicht, dass es in fantastischen Büchern keine Anschläge, Krieg oder schlechte Menschen gäbe. Doch das Wissen darum, dass es sich bei den Gräueltaten in den Büchern eindeutig um Fiktion handelt, macht es für mich um einiges erträglicher.

Es fühlt sich so an, als wäre dieses Jahr lauter als andere zuvor. 2016 hat mich einige Male zusammenschrecken lassen. Jede neue Nachricht scheint negativ zu sein. 2016 ist politischer als andere Jahre. Aber 2016 hat mich auch dazu animiert, mich intensiver mit aktuellen Thematiken auseinanderzusetzen. Literatur nicht nur als Flucht aus dem Alltag zu begreifen, sondern auch als Mittel zur Reflexion. In der Kunst werden Themen anders beleuchtet als in den 20 Uhr Nachrichten – zum Glück! Denn die Welt besteht nicht nur aus Krieg und Hass und Zerstörung. Sie besteht auch immer (!) aus Liebe und Zuversicht und Familien und Freunden und die Sonne scheint trotzdem immer irgendwo. Ein beruhigender Gedanke.

 

Wegschauen ist keine Option

Peer Martin
Peer Martin

Ein Gedanke, den „Grenzlandtage“ von Peer Martin und Antonia Michaelis ganz besonders verkörpert. Bereits in seinem Debütroman „Sommer unter schwarzen Flügeln“ setzte sich Peer Martin mit einem politischen Thema auseinander: Was, wenn sich ein Nazi und ein syrisches geflüchtetes Mädchen ineinander verliebten? In „Grenzlandtage“ wird eine ähnlich komplexe Liebesgeschichte ersonnen, um ein noch komplexeres Thema zu beleuchten: Die sogenannte Flüchtlingskrise. Eine Hydra, die immer mehr Köpfe bekommt, je länger man sich mit ihr beschäftigt…

„Europa. Nein, hier herrscht kein Krieg, hier gibt es keine Folter, keinen Hunger und keine Gewalt. Europa ist ein stilles, friedliches Grab.“

Jule und Evelyn steht der Abi-Stress bevor, deshalb beschließen die beiden, noch einmal in den Urlaub zu fliegen. Zwei Wochen auf einer kleinen griechischen Insel sollen es werden. Aber Evelyn erkrankt kurzfristig, sodass Jule sich allein auf den Weg macht. Auf der Insel angekommen, erwarten Jule einheimische Machos, Einsamkeit und Straßenhunde. Zu zweit wäre diese Reise sehr viel lustiger geworden! Als sie Asman kennenlernt, ändert sich alles. Asman gibt sich als israelischer Wild-Camper aus – zwischen den beiden Jugendlichen knistert es sofort. Es dauert lange, bis Jule mehr über Asmans Vergangenheit, seine palästinensische Abstammung und seine schreckliche Flucht aus dem Kriegsgebiet erfährt. Peer Martin und Antonia Michaelis schaffen es, den jugendlichen Leser langsam an die harte Realität heranzuführen. Jule erfährt häppchenweise, wie Asman auf die Insel gelangt ist und weshalb er überhaupt fliehen musste. Jule ist eine typisch deutsche Jugendliche. Für sie ist der Krieg im Nahen Osten zwar eine Konstante in den Nachrichten, was genau dort jedoch geschieht und welchen Part Europa dabei spielt, muss auch sie erst im Internetcafé des kleinen Ortes recherchieren. „Grenzlandtage“ ist über 400 Seiten lang keine seichte Lektüre. Doch mir kommt es vor, als hätte ich die vielen Seiten, die Lesezeit, gebraucht. Continue reading „„Grenzlandtage““

Mit Liebe gemacht

Oh diese Frau hat es mir angetan: Die sympathische Karin arbeitet mit ihren Illustrationen, ihrem Charme und Witz gegen gängige Rollenklischees an. Ihr neues Projekt „Mit ohne Rosa“ soll die ewige „Rosa-Blau-Grenze“ sprengen und alternative Vorbilder für freche, mutige, schick schmutzige Mädchen aufzeigen. Na wenn wir kein Dreamteam sind, dann weiß ich auch nicht!? Sie hat mir Rede und Antwort gestanden und am Ende des Beitrages gibt es sogar eine Kleinigkeit zu gewinnen… 

Liebe Karin, magst du dich kurz vorstellen? Wer bist du und was machst du?

In einem kleinem Dorf am Niederrhein bin ich groß geworden und über ein Studium der Visuellen Kommunikation in Hannover, dann in Berlin gelandet. Hier arbeite ich frei als Illustratorin. Meine Arbeit wird oft durch meinem Alltag mit Kindern (Sohn, 7 und Tochter, 4 Jahre) Mann und Frau Mau (unserer Katze) angeregt. Als Kind habe ich es geliebt, durch Wald und Wiesen zu streunen und Schätze zu sammeln – heute verbringe ich am liebsten Zeit in unserem Schrebergarten oder streune über Flohmärkte.
 

Continue reading „Mit Liebe gemacht“

Bohem Verlag für schöne Bilderbücher

In regelmäßigen Abständen empfehle ich Euch nicht nur Bücher, sondern stelle Euch auch meine Lieblingsverlage vor. Wer weiß, vielleicht entdeckt Ihr so, das ein oder andere literarische Schätzchen, das ich nicht auf Lütte Lotte rezensiere. Heute darf ich Frau Lammers, Leiterin des Bohem Verlages zum Interview begrüßen. Den Bohem Verlag sollte man spätestens seit diesem Herbst kennen, „Der Hund, den Nino nicht hatte“ von Edward van de Vendel und Anton van Hertbruggen hat den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 in der Sparte Bilderbuch erhalten. Viel Vergnügen mit unserem Gespräch!

bohem-team-2015-10
Das Team des Bohem Verlags: Annabel Lammers (D), Sandra Baumgartner (CH), Stefan Baumgartner (CH) und Alexander Herbert (CH).

Liebe Frau Lammers, haben Sie vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Mögen Sie sich kurz vorstellen?

Danke! Gerne: Ich bin gebürtig aus Westfalen und über Umwege dazu gekommen, Kommunikationsdesign zu studieren. Mein Herz schlug immer schon für Bilderbücher. Seitdem ich denken kann, habe ich ‑„gesucht und gesammelt“. Nach 15 Jahren Selbstständigkeit und diversen Tätigkeiten für die Verlagsbranche, lernte ich durch eine Idee für ein Ausstellungskonzept Wolfgang Hölker kennen. Zunächst als freie Mitarbeiterin für Konzeption, Lektorat und Grafik für Coppenrath/Die Spiegelburg/Hölker Verlag wurde ich Verantwortliche für das Bohem Programm, das bereits über Coppenrath Distribution in Deutschland ausgeliefert wurde. Damals war der Verlag nur in der Schweiz, nun auch in Deutschland. Aber noch immer sind wir ein kleines Team. Continue reading „Bohem Verlag für schöne Bilderbücher“

Zoologie des Bücherwurmes

Der Bücherwurm ist ein wahrhaft außergewöhnliches Geschöpf. Sein Lebensraum beschränkt sich nicht nur auf ein Land oder einen Kontinent, der Bücherwurm ist auf dem ganzen Globus beheimatet. Von Singapur bis in die Antarktis, von Nevada bis in die Alpen – mit etwas Glück, könnt ihr ihn überall aufspüren. Sein Habitat ist durch papyrenes Interieur geprägt, gedämpftes Licht (nicht zu hell und nicht zu dunkel), ein angenehm temperiertes Wohnumfeld. Der Bücherwurm schmückt sein Heim mit allerlei Mitbringseln. Warum der Bücherwurm auf ein papierenes Umfeld angewiesen ist, konnte bis heute nicht nachgewiesen werden. Doch Forscher gehen davon aus, dass der Bücherwurm eingehen würde, isolierte man ihn von seinen Lettern.

Besonders spannend ist jedoch die Anpassung an die Jahreszeiten: Der Bücherwurm ruht (anders als viele andere Lebewesen) im Sommer. Hitze verträgt der Bücherwurm nur in Maßen. Auch hier scheint die Eindeckung in genügend papierenes Interieur den Bücherwurm vor dem Austrocknen zu schützen. Der Winter ist für viele Bücherwürmer die Blütezeit des Jahres. In den kalten Monaten scheinen sie noch mehr „aufzunehmen“, als im Rest des Jahres. Gut zu beobachten, bei einem plötzlichem Abfall der Temperaturen: Der Nestbautrieb des Bücherwurmes setzt ein und er muss sich sofort in sein papyrenes Habitat zurückziehen und mit Lettern umgeben. Ein faszinierendes Schauspiel!

Bücherwurm

Über das Sozialverhalten des Bücherwurmes wurden schon unzählige Abhandlungen geschrieben. Ich verzichte deshalb auf eine Zusammenfassung der Expertenmeinungen und widme mich ganz meiner eigenen Theorie: Der beschriebene Zellstoff erhält den Bücherwurm nicht nur am Leben – er ist auch das Bindeglied im Sozialgefüge dieses faszinierenden Lebewesens. Bereits vor Jahrhunderten berichteten Forscher von einem Austausch zwischen den Individuen, der mittlerweile nicht mehr als willkürlich klassifiziert wird. Etwas scheint mit dem Bücherwurm zu passieren, hat er eine papyrene Mahlzeit zu sich genommen. Etwas, das sich in seinem Verhalten in der Gruppe niederschlägt. Es scheint so, als würde sich der Bücherwurm durch den Zellstoff „vervollständigen“- doch scheinbar nicht nur körperlich sondern auch seelisch… [These noch nicht ausreichend untersucht.]

Der Bücherwurm besitzt zwar ein vorsichtiges Wesen, sollte jedoch nicht als scheu oder gar asozial betrachtet werden. Er hat einen gewissen Forschungstrieb, seine Umwelt betreffend, andere Arten verschrecken ihn nicht. Freundliche Neugier macht sein Wesen aus. Selbst eine Erschütterung und Umwälzung seines Lebensraumes übersteht der Bücherwurm in den meisten Fällen. Experten sind der Meinung, dass das papyrene Interieur Wundheilung und Traumata-Bewältigung unterstützt. Der Bücherwurm ist robust. Auch wenn ihm das selber manchmal gar nicht bewusst zu sein scheint…

Auszug aus „Der Bücherwurm – Mythen, Theorien und Fakten“ von Prof. Dr. Dr. von und zu Sonnefeld

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